„Bulimie ist eine Waffe“

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Ehemaliges „It-Girl“ Sara Schätzl . Laut?

Schrill? Aufgesetzt fröhlich? So war Sara Schätzl als Münchner „Glamourgirl“. Sie ließ keinen roten Teppich aus, lächelte in jede Kamera. Doch tief in ihrem Inneren herrschte – nur Leere. „Zwölf Jahre meines Lebens habe ich ausgekotzt“, sagt sie heute. Sie litt unter Bulimie, einer Ess-Brech-Sucht. Die Krankheit war „meine Freundin“, eine ständige Begleiterin. Denn: Sara hasste sich selbst, war stets auf der Suche nach Anerkennung. Irgendwann brach sie zusammen. Es war die Kehrtwende. Heute lebt sie in Los Angeles und ist Mutter eines fast dreijährigen Buben. Jüngst hat sie ein Buch über die Bulimie geschrieben: „Hungriges Herz.“ Ein schonungsloser Bericht über „ein Monster, über das keiner reden will – und ein Dämon, der deinen Körper und deine Seele kaputtmacht“.

-Hand aufs Herz: Sind Sie 100 Prozent gesund?

Auf dem Papier: ja.

-Und im echten Leben?

Sagen wir so: In den vergangenen zwei Jahren bin ich ein anderer Mensch geworden. Ich habe gelernt, ich zu sein. Keine Kunstfigur Sara Schätzl, die vor einer Kamera so tut, als sei sie glücklich. Und jenseits des Blitzlichts jedes Loch im Herzen mit Essen zustopft – um dann alles auszukotzen.

-Wann haben Sie sich das letzte Mal übergeben?

Das ist gut sieben Monate her. Den Grund weiß ich nicht mehr. Es war ein Ausrutscher. Bulimie ist eine Waffe gegen Einsamkeit, Liebeskummer, Leere. Gefühle, die jeder Mensch kennt – und die der ideale Nährboden für Süchte sind. Durch meine Therapie bekam ich Kontakt zu Alkoholikern und Drogenabhängigen. Die ticken nicht anders als Bulimiker. Sucht bleibt Sucht, man redet sich alles schön. Der blanke Horror.

-Warum haben Sie ein Buch über Ihre Sucht geschrieben?

Ich wollte das Richtige tun. Dieses Buch ist mein Tagebuch. Es beschönigt nichts. Ich will allen Bulimikern, die sich selbst hassen, eine Stimme geben, will ihnen zeigen: Ihr seid was wert! Ich selbst konnte irgendwann nicht mehr so weitermachen: immer nur essen und erbrechen. Ich schwebte in Lebensgefahr, wurde ins Krankenhaus eingeliefert – man hätte mir fast meinen Sohn weggenommen; ich bin alleinerziehend. Ich musste aufhören. Ich musste die Mauer um mich herum einreißen, wieder ich selbst sein – zu mir stehen.

-Wie fühlt sich das an?

Wie laufen lernen. Alles ist neu. Aber ich mag mich – zum ersten Mal überhaupt. Ich brauche keine Fassade, es tut gut, ehrlich sein zu dürfen. Ich lebe heute in L.A., arbeite als Schauspielerin, übernehme ernste Rollen. Ich mache keinen Klamauk mehr wie früher. Mein größter Wunsch wäre ein Filmangebot aus Deutschland – weil ich hier zuhause bin, nicht in den USA.

Interview: Barbara Nazarewska

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