PETER KONWITSCHNY GELINGT IM STAATSTHEATER NÜRNBERG MIT BERND ALOIS ZIMMERMANNS OPER „DIE SOLDATEN“ EINE HERAUSRAGENDE INSZENIERUNG

Das bohrt sich in Herz und Hirn

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Surrealer Mordtraum mit v. li. Susanne Elmark, Helena Köhne, Uwe Stickert, Leila Pfister und Jochen Kupfer. Foto: Ludwig Olah

von Markus Thiel. Am Kulminationspunkt der Oper hat Regie keine Chance mehr.

Elf Szenen der Stückvorlage von Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792) werden aufeinandergetürmt, verzahnt, überblendet. Ein waghalsiges Experiment der Gleichzeitigkeit. Worte sind kaum mehr zu verstehen, die Musik überspült einen als teilchenbeschleunigter Partikelstrom. Ertrinkensgefahr im Publikum, doch am Staatstheater Nürnberg werden Rettungsringe ausgeworfen. Vor Beginn des vierten Akts lesen die Solisten den Text mit verteilten Rollen, oben, auf der Beleuchterbrücke. Dann Licht aus, man steht auf dunkler Bühne, während einen die Szene im musikalischen Original überflutet. Kopfkino kann die grausamsten Bilder produzieren, das wusste später auch Alfred Hitchcock.

Bernd Alois Zimmermanns Oper „Die Soldaten“, uraufgeführt 1965 und ein Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts, treibt jedes Haus in den Ausnahmezustand. Einst als unaufführbar missverstanden, scheint der Zweistünder als sich ins Herz und Hirn bohrende Anklage von Gewalt – ob im Krieg oder im Privaten – das Stück der Stunde. Salzburg, Wiesbaden, 2014 München, und alle Aufführungen suchten ihr Heil im Effekt: Dem überbordenden Materialeinsatz Zimmermanns stemmten sie ebensolche szenischen Mittel entgegen.

Marie, Tochter des Kaufmanns Wesener, die sich in Tuchhändler Stolzius verliebt, sich dann zu Edelmann Desportes hingezogen fühlt, am Ende Liebe, Stellung und Halt verliert, um als geschmähte Soldatenhure zu enden – eine Überfülle  von Problemkreisen und Bildmöglichkeiten lässt  sich da herauslesen. Peter Konwitschny unterzieht alles einer Auflichtungsaktion,  die  einmalig  sein dürfte in der Rezeptionsgeschichte des Stücks. Überhaupt ist es eine der besten Arbeiten Konwitschnys, der sein überlegenes Partiturverständnis ausspielt: So musikalisch, so dicht dran an Personen, Struktur und stilistischem Gehalt ist mutmaßlich noch keiner den „Soldaten“ begegnet.

Nur ein paar Wand-Elemente (Bühne: Helmut Brade) auf sonst leerer Szenerie reichen. Alles beginnt in lichter, fast schwebeleichter Ästhetik, mehr Boulevard statt Problemgewälze. Und tatsächlich (Lenz nannte sein Schauspiel schließlich „Komödie“) spiegeln sich die Bizarrerien von Zimmermanns Musik als Groteske auf der Bühne wider. Soldaten gibt es in dieser Aufführung nicht, dafür aufgedrehte Business-Machos, Kanoniere des Kapitals gewissermaßen. Das ist als Einfall nicht neu, trägt aber – als Nahrückung und zeitlos-heutige Gesellschaftskritik.

Vorsichtig wird der Missbrauch Maries durch den Vater angedeutet. Und als die Musik sich immer mehr Raum verschafft, fahren drei Schlagzeuger mit ihren Batterien auf die Bühne. Theatermittel werden sichtbar, auch die „Herstellung“ der Musik wird Thema – und damit fürs Publikum nachvollziehbar. Das geht so weit, dass sogar parallel laufende Szenen, von Zimmermann als neuartige Zeiterfahrung gedacht, verständlich werden. In einem riesigen Bett etwa bringt Stolzius Marie, seine Mutter und den Nebenbuhler um. Ein surrealer Traum, eine Verschränkung von Krimi und Slapstick.

Immer mehr gleitet die Aufführung von solchen Grellheiten in die Tragödie – wofür in der Pause ein Platzwechsel nötig ist. Wir Zuhörer müssen die Reihen verlassen und auf die Bühne – als nun im Doppelsinn hautnah betroffene Zeugen des Geschehens, das sich nicht nur hier, sondern auch „draußen“, in der berüchtigten „Führerloge“ des Nürnberger Hauses abspielt.

Musikalisch wächst das Staatstheater weit über sich hinaus. Vor allem imponiert, wie wenig sich die Sänger an ihren Rollen abarbeiten müssen. Vieles, auch in größten Vokalspreizungen, wirkt wie ein Spiel mit Noten, eher lustvoll statt forciert. Angefangen von Susanne Elmark (Marie) über Uwe Stickert (Desportes), Ludwig Mittelhammer (Hauptmann Mary), Hans Kittelmann (Pirzel), Solgerd Isalv (Charlotte) bis zu Jochen Kupfer (Stolzius), bei dem Dramatik nie zum Raubbau wird. Dirigent Marcus Bosch gibt den ruhigen Koordinator und Kenner. Nichts wird extra angeheizt, ein paar mehr Spots auf Zimmermanns Feinheiten, etwas mehr Maserung in den Klangflächen hätte man sich trotzdem gewünscht.

Eine Aufführung, die eine Fahrt nach Franken dringend lohnt: Konwitschnys Deutung besticht in ihrer Klarheit, ihrer Reduktion und in ihrer immensen Musikalität. Auch in den letzten Sekunden – Zimmermann fordert zum Tod Maries einen anschwellenden „Schreiklang“ des Orchesters mit abschließender Atombombenexplosion vom Band – bleibt sich der Abend treu. Nur ein verebbendes Schlagzeug. Bildschirme zeigen eine EKG-Kurve, dann der Nulllinien-Ton. Lauter kann keine Detonation sein.

Weitere Aufführungen

am 25. März sowie 8., 14. und 23. April;

Telefon 0180/ 134 42 76.

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