Blaublüter unter sich

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Bei der Wasserprobe werden Tamino alias Kaiser Franz Joseph I. (Jörg Dürmüller) und Pamina alias Sisi (Susanne Bernhard) von einem Soldaten mit Reichskriegsflagge angeführt. foto: verleih

Enoch zu Guttenbergs Film-Version der „Zauberflöte“ als vor allem klanglich brillante Kino-Version. von Markus Thiel.

Erstunken und erlogen ist dieser Abend, aber dennoch hinreißend nah an der Realität. Dass sich früher der Hochadel einen Bühnenklassiker vornahm, um ihn pour plaisir nachzuspielen, war so etwas wie blaublütiges Live-Fernsehen. Mit Mozarts „Zauberflöte“ ist das mutmaßlich nie passiert. Aber so, wie das anno 2010 bei den Festspielen im Herrenchiemseer Spiegelsaal als Premiere herauskam, hätte es sein können. Ludwig II. als Sarastro, Kaiser Franz Joseph I. als Tamino, Kaiserin Sisi als Pamina – erstmals setzte sich dafür Dirigent Enoch zu Guttenberg in den Regiestuhl, unterstützt von Dramaturg Klaus Jörg Schönmetzler, der alles als Erzählung des alten Papageno aufrollte.

Den Erfolg hat man sich erträumt, aber wohl kaum so erwartet. Die Produktion wurde nachgespielt als vollszenische Fassung im Münchner Prinzregententheater – und ist nun auch im Kino erlebbar. Mehrere Wahnsinnige im positiven Sinn sind da zusammengekommen. Ein dirigierender Baron, für den Musik immer schweißtreibende Entäußerung ist. Und die Klangtüftler der Münchner Plattenfirma Farao um Felix Gagerle, eigentlich Geiger im Bayerischen Staatsorchester.

Ihre audiophilen Veröffentlichungen bescherten etwa im Falle von Wagners „Walküre“ mit Zubin Mehta oder mit Bruckner-Symphonien unter Kent Nagano verblüffende Hör-Erlebnisse. Für die Verfilmung der „Zauberflöte“, die in diesen Wochen in ausgewählten Lichtspielhäusern zu sehen ist, vertrauen sie auf ein neues Verfahren, auf „Dolby Atmos“. Mit dem wird ein dreidimensionales Klangbild angestrebt. Das ist im Falle von „Des Königs Zauberflöte“ mehr als Stereo oder Surround. Für den Kinogänger entsteht über Extra-Lautsprecher tatsächlich der Eindruck, er befinde sich im Prinzregententheater.

Wer den Film in dieser Fassung genießt, erlebt eine bei Opernfilmen oder -übertragungen ungewöhnlich gute, trennscharfe Abmischung von Stimmen, Orchester, Bühnen- und Auditoriumsgeräuschen. Der Klang wirkt nicht künstlich hergestellt, er „lebt“ und kommt, abgesehen von manch hoher Lautstärke, dem Live-Erlebnis verblüffend nahe. Aufgenommen wurde mit Raummikrofonen, nur Gerd Anthoff als alter Papageno spricht mit Mikroport. „Wir wollten den partiturstrukturellen Reichtum erhalten, ohne dass uns die Sänger absaufen“, formuliert es Gagerle. Hinzu kommt noch eine hochauflösende Kameratechnik. Statt mit 24 Bildern pro Sekunde ist bei HFR („High Frame Rate“) alles mit 50 Brillanz garantierenden Bildern pro Sekunde produziert.

„Des Königs Zauberflöte“ versteht sich dabei nicht als klassischer Opernfilm à la Jean-Pierre Ponnelle. Es bleibt „nur“ bei einer Dokumentation von Guttenbergs Produktion, für die allerdings fünf Münchner Aufführungen ausgewertet wurden. Die Bildregie (Ruth Käch) verzichtet auf Mätzchen, rückt manchmal dafür den Sängern auf nie kompromittierende Weise nahe – allein am nie verzerrten Gesicht, an der vorbildlich locker liegenden Zunge von Antje Bitterlich ist zu sehen, dass sie eine herausragende Königin der Nacht ist.

Was die Kinofassung wohltuend abschwächt: Im Grunde kommt Guttenbergs Fassung kaum über eine hübsche bis amüsante Bebilderung heraus. Dass hier Hoheiten ein Meisterwerk nachstellen, ist allenfalls Illustration – der Adel tritt kaum in Wechselwirkung oder Distanz zu seinen Rollen. Das verhindern auch die langen Monologe von Gerd Anthoff, dem ein kanalisierender, bremsender Regisseur gut getan hätte. Handlung wird an den alten Papageno delegiert, die guten bis hervorragenden Sänger (Tareq Nazmi als Sarastro/ Kini) sind oft nur Staffage. Ein Erlebnis ist „Des Königs Zauberflöte“ dennoch. Und hoffentlich der Auftakt zu weiteren Anstrengungen der Farao-Wahnsinnigen.

Vorführungen

am 3., 24. 7., Filmtheater am Sendlinger Tor; 6. 7., Münchner Cinema; www.des-koenigs-zauberfloete.de.

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