Biodiesel aus toten Katzen

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Getanzter Physikunterricht: Luise Kinner aus dem Ensemble, das fröhliche Wissenschaft bietet. Foto: Arno Declair

Premierenkritik . Das Münchner Volkstheater bietet mit „Handbuch für den Neustart der Welt“ schräge Tipps fürs Überleben.

Von Alexander Altmann

Rechts auf der Bühne steht ein riesiger Schrank. Wenn er geöffnet wird, entquillt ihm ein üppig wucherndes Blütendickicht, ein quietschbunter Plastik-Urwald. Aber diese blümerante Performance am Münchner Volkstheater ist kein Dschungelcamp, sondern eher ein surreales Survival-Seminar. Denn was lernt man da nicht alles für den Fall, dass nach der Apokalypse ein Häufchen letzter Menschen die Zivilisation neu starten muss: Die Filtration von Wasser kann mit Holzkohle, Sand und Kies erfolgen. Biodiesel lässt sich auch aus toten Katzen herstellen. Zum Mahlen von Getreide sollte auf jeden Fall ein „oberschlächtiges“ Wasserrad benutzt werden. Und das Wichtigste für unsere Zivilisation überhaupt ist, von der Drehbank vielleicht abgesehen, der Löschkalk – was immer das genau sein mag. Die Frage aller Fragen aber lautet, „wo bekomme ich in einer postapokalyptischen Welt Alkali her?“ Genau, gut dass das mal offen angesprochen wird!

All diese nützlichen Hinweise und Ratgeber-typischen „kleinen Tipps“ zum Überleben nach dem Untergang verdanken wir Lewis Dartnell. Der 1980 geborene „Astrobiologe“ (doch, so was gibt’s) ist eine Art britischer Harald Lesch, der uns auf unterhaltsame Weise das Wunderland der Naturwissenschaften erklärt. So auch in seinem „Handbuch für den Neustart der Welt“. Dass mit dessen Bühnenadaption jetzt mal ein Sachbuch „dramatisiert“ wurde, ist an sich schon ein genialer Scherz, eine (unfreiwillige?) Parodie auf die herrschende Mode der Roman-Theatralisierungen.

Wie eine Mischung aus getanztem Physikunterricht und der Vorführung eines Chemiebaukastens hat Jessica Glause Dartnells fröhliche Wissenschaft inszeniert. Es brodelt, raucht und schäumt aus allerlei Glasgefäßen. Dann wieder sieht man die Akteure mit Rechen, Sense und Harke hantieren, wenn sie nicht gleich einen riesigen Erdhaufen auf die Bühne schaufeln und uns was über Fruchtfolge in der modernen Landwirtschaft erzählen. Sehr süffig auch die Kostümierung: Während die Damen etwa Kopfschmuck aus Pet-Flaschen und Kabelbindern zum Baströckchen tragen, kommen die Herren gerne mal im Fellumhang à la Neandertaler daher, wenn sie erklären, dass es vor allem auf die „Amplitudenmodulation“ ankommt oder, noch besser, auf die „Frequenzmodulation“. Aha, gut zu wissen.

Überhaupt ist diese Freakshow am besten, wo sie aus dem bloßen „szenischen Vortrag“ in die schräge Verfremdung hinübergleitet. Etwa, wenn Jonathan Müller das Periodensystem der Elemente als lustiges Shanty herunterträllert oder Mara Widmann im liturgischen Singsang eines Pfarrers verkündet, welche Böden für welche Getreidesorten geeignet sind. Solche Überdrehungen ins Absurde hätte der Abend noch viel mehr haben dürfen und gerne auch schrillere. Denn darin liegt halt der Vorteil der Kunst, dass sie, anders als die Wissenschaft, über den Tellerrand hinausblicken und so zum Beispiel den latenten Irrwitz erkennen kann, der in Dartnells Sachbuch-Bestseller steckt, wenn man ihn ernst nimmt. Denn hochkomplexe Zivilisationen sind ja überhaupt nur dadurch möglich, dass eben nicht jeder Einzelne alles ein bisschen können und wissen muss – sondern sich vielmehr extrem spezialisieren darf, weil alle anderen jeweils auch auf ein anderes Gebiet spezialisiert sind. Langer Beifall.

Nächste Aufführungen

am 30. November sowie am 12., 13. und 21. Dezember; Tel. 089/ 523 46 55.

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