Bilderreiche Sprechgesänge Im Marstall des Residenztheaters wurde Sulayman al Bassams „Ur“ uraufgeführt

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Poetische Bilder findet Sulayman al Bassam für „Ur“ (Szene mit Hala Omran und Mohamad Al Rashi). Foto: Julian Baumann

Bilderreiche Sprechgesänge. Im Marstall des Residenztheaters wurde Sulayman al Bassams „Ur“ uraufgeführt.

VON ALEXANDER ALTMANN

Von ganz oben an der Decke rieselt ein dünner Sandstrahl herab, effektvoll angeleuchtet in der Dunkelheit. Die Uhr läuft, könnte man sagen angesichts dieser archetypischen Symbolisierung verfließender Zeit. Aber auch die Bühne gibt sich ganz lapidar und „archaisch“ – um mal ein vornehmeres Wort für „urig“ zu wählen: Eric Soyer und Anne Marcq haben in die Mitte des Marstalltheaters einen grauen Laufsteg gebaut, an dessen beiden Enden mächtige Steinpylonen mit leeren Nischen aufragen.

Schlicht „Ur“ heißt das Zweistromland-Drama des erfolgreichen arabischen Theatermachers Sulayman al Bassam, das jetzt in München uraufgeführt wurde – in der Regie des Autors und teils mit arabischen, teils mit deutschen Schauspielern, weshalb der Text auch mehrsprachig zum Mitlesen an die Wand projiziert wird. Die Geschichte spielt zu ganz verschiedenen Zeiten in der alten sumerischen Stadt Ur – oder dem, was später davon noch übrig ist. In der Frühzeit regiert die als Göttin verehrte Königin Nin Gal die blühende Metropole und verfolgt – zweitausend Jahre vor der christlichen Zeit – eine Art urchristliches Gewaltlosigkeits-Konzept. Denn als Feinde anrücken, befiehlt sie, die Tore zu öffnen; und statt zu den Waffen zu greifen, sollen die Bürger Gedichte schreiben („Erotische Gedichte genießen in Ur höchstes Ansehen“), auf dass Ur der Nachwelt in Erinnerung bleibe. Natürlich geht das gründlich schief, denn die Gedichte sind schlecht, die Feinde lachen sich ins Fäustchen und zerstören Ur. Merke: Feinsinn und Feindesliebe haben noch nie gegen das dumpfe Haudrauf-Gesocks geholfen, das sich offenbar zu allen Zeiten durchsetzt.

So auch im Jahr 2015, in das die Geschichte jetzt springt, um uns IS-Terroristen zu zeigen, die den „Götzen“-Tempel der Nin Gal in die Luft sprengen wollen. Und als eher komödiantisches Zwischenspiel neben so viel zeitübergreifender Brutalität sehen wir dann noch schneidige deutsche Archäologen aus wilhelminischen Tagen, die um 1900 in Ur rumgraben, um nachzuweisen, dass das Alte Testament nur ein Plagiat sumerischer Dichtung ist. Eine Ahnung von deren poetischer Urkraft geben tatsächlich die archaisierenden, bilderreichen Sprechgesänge dieses heftig bejubelten Abends.

Nächste Vorstellungen

am 18., 19. und 20. Oktober;

Telefon 089/ 21 85 19 40.

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