AMÉLIE NIERMEYER INSZENIERTE FÜRS MÜNCHNER RESIDENZTHEATER BERNARD-MARIE KOLTÈS’ TRAGIKOMÖDIE „RÜCKKEHR IN DIE WÜSTE“

Besuch der jungen Dame

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Zurück im Kleinstadt-Horror: Juliane Köhler als Mathilde (re.) und Mathilde Bundschuh als deren Tochter. F: Thomas Dashuber

Wer immer schon mal dabei sein wollte, wenn eine Grande Dame des Theaters wie Juliane Köhler über die Zuschauer in den ersten Reihen des Residenztheaters hinwegkraxelt, der sollte sich diese Aufführung nicht entgehen lassen.

Auch wenn das Stück, das den Anlass für solche Akrobatik liefert, eher eine Rumpelkammer altbekannter Motive ist: vom fremdenfeindlichen Nationalismus über Geisterseherei bis zu den Neurosen des bürgerlichen Individuums. Der früh verstorbene, legendäre Bernard-Marie Koltès (1948 bis 1989) hat in seine Tragikomödie „Rückkehr in die Wüste“ so viel  reingepackt,  dass man am Schluss gar nicht mehr weiß, worum es eigentlich gehen soll.

Da treten verlogene Kleinstadt-Honoratioren auf, die sich, angetan mit Affenmasken, zum faschistischen Verschwörerclub zusammenfinden und sogar einen Bombenanschlag auf das Arabische Café ihres Städtchens verüben. Eine höhere Tochter (Juliane Köhler), der in diesem Ort einst übel mitgespielt wurde, weil sie ein uneheliches Kind bekam, kehrt aus ihrem algerischen Exil zurück in die „Wüste“ der französischen Provinz, um wie Dürrenmatts alte Dame Rache an ihren Peinigern zu üben: darunter ihr Bruder (Götz Schulte), ein spleeniger Fabrikbesitzer, der im Frack, aber immer barfuß herumläuft und eine dauerbesoffene Gattin (Barbara Melzl) hat. Dass sich hinter dem gegenseitigen Hass des Geschwisterpaares eigentlich untergründige Liebe verbirgt, sorgt dann für den unvermeidlichen Schuss Küchenpsychologie. Und wie bei Molière gibt’s auch noch tatkräftige Hausangestellte (Katharina Pichler, Bijan Zamani), die in diesem Panoptikum einer durchgeknallten Bourgeoisie die einzig vernünftigen Menschen sind.

Am Münchner Residenztheater hat Regisseurin Amélie Niermeyer jetzt aus diesem Kessel Buntes vor allem die Gespensterkomödie herausgezogen. Was im Prinzip eine sehr gute Entscheidung wäre, wenn die Regisseurin dabei nicht zu zahm, halbherzig und textfromm bliebe, um Koltès’ thematischen Gemischtwarenladen richtig aufzuräumen. Für spukhafte Atmosphäre sorgt immerhin schon mal das großartige Bühnenbild von Alexander Müller-Elmau: eine Art Riesen-Leporello aus hellgrauen Wandsegmenten, die mit Scharnieren aneinanderhängen und sich so zu den verschiedensten kantig-verschachtelten Raumsituationen zusammenfalten lassen. Die vielen hohen, aber beklemmend schmalen Türen in dem wandelbaren Labyrinth-Interieur verstärken die bizarre Geisterhaus-Stimmung. Die konterkarieren etliche banale Heizkörper, indem sie gediegen symbolisch auf das Wärmebedürfnis in diesem Raum zwischenmenschlicher Kälte hinweisen.

Die schön schaurige Gruselmusik dazu macht Elisabeth Wirth, die live auf der Bühne einem rätselhaften Instrument unheimliche Töne entlockt. Und in die Rubrik poetischer Bühnenzauber gehören dann die wunderbaren Szenen, bei denen ein nächtlicher Garten einfach dadurch entsteht, dass bunte Wald- und Wiesenornamente als verschlungener Dschungel auf die Wände projiziert werden (Video:Jan Speckenbach). Auch wenn es bei dieser Inszenierung also nicht die schnell getaktete Farce zu sehen gibt, die man aus dem leicht angestaubten Text von 1988 hätte machen müssen – unterhaltsam ist der Abend im Großen und Ganzen dennoch. Was nicht nur an den meisterhaft aufspielenden Akteuren und einer komischen Balgerei-Szene liegt. Sondern an dem Drall ins Groteske, Surreale, den vor allem die Hauptdarsteller Juliane Köhler und Götz Schulte so dezent wie eindringlich betonen. Begeisterter Applaus. Alexander Altmann

Nächste Aufführungen

am 1., 19. Juni; Karten unter Telefon 089/ 21 85 19 40.

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