Ein berührender Abend

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Zwischen Traumwelt und Mord: Ausrine Stundyte als erblindende Selma Jezková. Foto: Wilfried Hösl

Die Münchner Opernfestspiele zeigten das Kammerstück „Selma Jezková“ von Poul Ruders . VON MARKUS THIEL.

Vom Strang wird man an diesem Abend verschont. Das betrifft das Publikum, vor allem aber die Verurteilte. Still geht sie ab, die Treppe zur Bühne hinauf, am Münchener Kammerorchester vorbei, das sich gerade in die finale Klangkurve legt. Ein Brutalo-Schluss, so wie in der Filmvorlage „Dancer in the Dark“ von Lars von Trier, hätte auch gar nicht zur süffigen Musik gepasst. Schon das Kino-Opus über die an einer unheilbaren Augenkrankheit leidende Selma, die ihrem Sohn dasselbe Schicksal ersparen möchte und darob einen verzweifelten Mord begeht, dieser preisgekrönte Streifen mit Musikstar Björk spielt ja auf eigentümliche Weise mit Musical-Nostalgie. Vor fünf Jahren wurde die Kammeroper „Selma Jezková“ von Komponist Poul Ruders in Kopenhagen uraufgeführt, jetzt war der 70-Minüter zum Start der Münchner Opernfestspiele in drei Aufführungen zu erleben.

Andreas Weirich (Regie) und Marie Pons (Raumkonzept) nehmen den Nierentisch-Charme der Alten Kongresshalle auf. Zu Beginn ein fiktiver tschechischer Tanzfilm. Das tanzende Paar wird zu Selmas gern herbeigeträumter Utopie, erst recht, als Norbert Graf als Fred-Astaire-hafter Oldrich Novy zu Selma in die Realität tritt. Ein dreh- und fahrbarer Kubus auf der Fläche vor der Bühne, Wohn- und später Gefängniszelle, bleibt das einzige Element.

Ruders mag sich nicht als Speerspitze der Avantgarde verstehen. Seine plastische Musik malt dafür Innerlichkeiten mit kräftigen Farben aus, kippt immer wieder in den Fünfzigerjahre-Song und nimmt dabei Kitsch bewusst in Kauf. Letzteres, diese hemmungslose Tonalität, ist auch Beschwörung einer (untergegangenen) besseren Welt. Mit seinem Librettisten Henrik Engelbracht hat Ruders den Film von Lars von Trier auf entscheidende Elemente verknappt. Sogar für Kino-Unkundige bleibt alles nachvollziehbar.

Die szenische Kargheit lässt die Figuren umso schärfer hervortreten: Ausrine Stundyte mit dunklem, gehaltvollem Sopran als Jeanne-d’Arc-Selma,  Nathaniel Webster mit herber Baritonkraft als männlicher Gegenpart Bill/ Norman/ Wache, Tara Erraught mit Mezzo-Mütterlichkeit als Kathy/ Brenda, vor allem aber Bühnentier Kevin Conners,   der  die Doppelpartie Staatsanwalt/ Wache zur bizarren Karikatur aufdonnert. Oskana Lyniv wacht mit glasklarem Schlag erfolgreich über Präzision und Prägnanz.

Ein Abend, der berührt. Und das nicht nur, weil die Sänger einem am unterschätzten Spielort Kongresshalle so nahekommen.

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