DIE ARD ZEIGT AM SONNTAG EINEN UNGEWÖHNLICHEN „POLIZEIRUF“ ÜBER DAS ENDE DER ZIVILISATION

Bereit für den Untergang

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Zeuge einer Auseinandersetzung von Lennard Kohlmorgen (Jürgen Vogel, Mi.) und seiner Familie werden Hauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) und Hauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz, re.) bei ihrer Ankunft auf seinem Hof. Feist/ ARD

Von Tim Slagman. Hier wird das Private nach und nach zum Politischen – und die Gefahr, sie rückt ganz nahe.

Bis ans Bett, in dem Hauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) neben ihrer Tochter Alma schläft, dringen die Einbrecher in ihre Wohnung vor. Sie filmen das Gesicht der Schlafenden in Großaufnahme und lassen das Handy zurück. Und sie hinterlassen eine gebrochene Frau, erschüttert in ihrem Innersten, herausgerissen aus ihrer Schutzzone. So beginnt der „Polizeiruf 110: Demokratie stirbt in Finsternis“, den die ARD am Sonntag um 20.15 Uhr zeigt. Von dort geht es auf leisen Schritten in Richtung Zusammenbruch.

Lange spielt sich das Meiste im Intimen, in Innenräumen ab. Von ihnen weiß man längst, dass sie den Schutz, den sie versprechen, nicht bieten können. Wenn das überhaupt irgendwo möglich sein sollte, dann vielleicht noch auf dem Land, in einem Fremdenzimmer bei Lennard Kohlmorgen (Jürgen Vogel) – ein Tipp von Lenskis Mutter, die sich während der Auszeit ihrer Tochter um die Enkelin kümmert. Der neblig graue Schleier, der die karge Landschaft so fahl erleuchtet, mag warnen: Der Friede hier ist der Friede des Todes.

Gleich bei der Anreise muss Lenskis Kollege Adam Raczek (Lucas Gregorowicz), der die Kommissarin auf den Hof chauffiert, diesen Kohlmorgen in den Polizeigriff nehmen, als der auf einen Verehrer seiner Tochter losgeht. Im Schrank stehen geladene Waffen. In der Garage hat Kohlmorgen, der früher als Arzt die Welt bereiste, ein Lazarett eingerichtet. Und in der Scheune türmen sich die Bücher – das Lager eines Versandhandels, den seine Ex-Frau Valeska einrichten wollte. Sie nahm es etwas ernster als er mit dem „Prepping“, dem Vorbereiten auf den Untergang der Zivilisation.

Dann steht Valeska plötzlich in der Stube, bittet um ein Wochenende mit den Kindern. Sie wird den Tag nicht überleben. Raczek findet eine Spur, die ihn in ein Herrenhaus voller Anarchisten führt; ihr Sprachrohr nennt sich Ulysses (Dimitrij Schaad). An der Wand steht „Democracy dies in Darkness“ – ein Slogan der „Washington Post“, die Licht in die Dunkelheit von Vertuschung und politischer Intrige bringen will.

Die Stärke dieses irrlichternden Bastards von einem Krimi liegt im Mut, sich Pathos zuzutrauen. In der grandiosen Zurückweisung des Mittelmäßigen. Sicher: Es gab elegantere Versuche, mit der Betulichkeit mancher Krimikonvention zu brechen, und es wird weiterhin solche geben. Aber am Ende ist die Welt nicht mehr so ganz in Ordnung in diesem „Polizeiruf“. So weit ins Ungewisse wagen sich die meisten Krimis gar nicht erst.

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