PAUL MARTIN CAMBEIS, PRÄSIDENT DER MÜNCHNER KÜNSTLERGENOSSENSCHAFT, ÜBER SEINE BÜSTE FÜR DEN KLEINEN KARIBIKSTAAT

Aus Bayern nach Nevis

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Besuchte sein Werk auf Nevis: Paul Martin Cambeis, Präsident der Münchner Künstlergenossenschaft, und Alexis Jeffers, der stellvertretende Ministerpräsident der Föderation St. Kitts und Nevis, bei der von Cambeis geschaffenen Büste des ersten Premierministers des Inselstaates, Sir Simeon Daniel (1934-2012). Fotos: Paul Martin Cambeis

Dem Präsidenten der Münchner Künstlergenossenschaft, Paul Martin Cambeis, wurde eine seltene Ehre zuteil.

Seit Kurzem kann er behaupten, dass eines seiner Werke in einem Land steht, dessen Namen in Mitteleuropa noch kaum jemand gehört haben dürfte. Er schuf die Bronze-Büste des ersten Premierministers des Mini-Staates Nevis, Teil der Föderation St. Kitts und Nevis, einer Inselkette in der Karibik. Im Gespräch erzählt Cambeis, wie es dazu kam: eine zärtliche Geschichte voller Zufälle, in der auch Joseph Beuys eine Nebenrolle spielt.

-Hätten Sie sich je erträumt, dass eines Ihrer Kunstwerke tausende Kilometer von München entfernt im öffentlichen Raum steht?

Nein, für mich ist das ähnlich ungewöhnlich wie für alle, die davon hören.

-Wie lange reist man eigentlich nach Nevis?

Etwa 24 Stunden.

-Da braucht man also Energie.

Ist relativ beschwerlich, ja.

-Wie kamen Sie zu dem Auftrag, eine Bronze-Büste des ersten Nevis-Premierministers Sir Simeon Daniel zu gießen?

Wo fange ich da an? Das entwickelte sich zufällig. Und über Jahre hinweg. Es begann eigentlich mit einer Schulfreundschaft aus der vierten Klasse.

-Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet.

Wir hatten uns aus den Augen verloren. Ich habe Marian von Korff auf der Art Cologne 2005 wieder getroffen, hätte ihn fast nicht erkannt. Und dann stellt sich heraus, dass er Kunst sammelt und damit handelt.

-Und da hatten Sie als Künstler sofort Gesprächsstoff?

Richtig. Denn er war nicht nur irgendein Kunsthändler. Er ist einer der renommiertesten Joseph-Beuys-Händler Deutschlands. Ich muss sagen, das war so in der vierten Klasse noch nicht absehbar. Er war zuvor Journalist beim „Focus“.

-Jetzt bin ich gespannt, wie Sie auf den Kleinen Antillen in Nevis landen.

Tja, noch mehr Zufälle. Von Korff wiederum ist gut befreundet mit Michael Heinritzi. Ich glaube, er ist deutschlandweit, wenn nicht sogar europaweit, der größte McDonald’s-Manager. Ein richtig fetter Fisch in dem Business. Und Heinritzi wiederum hat ein Ferienhaus auf Nevis.

-Wie ging es weiter?

Nevis ist klein und hat 11 500 Einwohner. Man kennt sich dort, auch Heinritzi und der aktuelle Premier sind einander bekannt. Und weil Heinritzi so begeistert ist von Nevis, wollte er etwas Gutes tun und versprach dem Land, eine Bronze-Büste zu Ehren des ersten Premiers Sir Simeon Daniel aufstellen zu lassen. Daniel ist dort eine Ikone, weil er den Staat 1983 in die Unabhängigkeit geführt hat.

-Und Heinritzi hat Sie dann beauftragt?

Nicht ganz. Erst hat er Korff angerufen und meinte: Du kennst dich doch mit Kunst aus. Es fielen zunächst Namen wie Georg Baselitz, Olaf Metzel oder Jörg Immendorff. Die beiden wollten erst Metzel beauftragen. Doch der hat offenbar eine niedrige sechsstellige Summe aufgerufen.

-Doch so viel wollte Heinritzi nicht ausgeben?

Richtig. Da meinte Korff wohl, ich frage mal meinen Freund Martin, ob der das auch für weniger macht. Das war dann auch so.

-Wann haben Sie mit dem Auftrag begonnen?

Das war ab 2013. Ich setzte mich mit der Familie des verstorbenen ersten Premiers in Verbindung, ließ mir Fotos schicken und erstellte ein erstes Modell im Jahr 2014. Daran habe ich dann so lange gearbeitet, bis alle Beteiligten zufrieden waren.

-Seit wann steht die Büste in Nevis?

Seit April 2017. Bei der Einweihung konnte ich leider nicht dabei sein, wegen einer Ausstellung in Deutschland. Deshalb bin ich vor Kurzem, in der letzten April-Woche, hingereist und habe mir das alles mal angeschaut. Das war mir wichtig.

-Wie hat sich das für Sie angefühlt?

Es berührt mich bis heute zutiefst und macht mich glücklich. Es schmeichelt. Schließlich wird Sir Daniel auf der Insel regelrecht verehrt, als Nationalheld. Außerdem: Die meisten Kunstwerke findet man ja in geschlossenen Räumen. Die Bronze von Sir Daniel ist Wind und Wetter ausgesetzt und hat auch schon Patina bekommen. Wundervoll!

-Was glauben Sie, wie lange wird das Denkmal stehen?

Das Gute ist: Wir bauen ja heutzutage keine Bronzekanonen mehr. Also wird die Büste dort hoffentlich hunderte Jahre erhalten bleiben.

-Wie war Ihre Reise, was haben Sie alles erlebt?

Viel Zuneigung und Liebe. Wir waren zum Beispiel in einem Szene-Lokal namens Sunshine. So hieß auch der Besitzer. Sunshine drückte mich ohne Vorwarnung. Es hatte sich herumgesprochen, dass ich, also der Urheber des Denkmals, gerade zu Besuch da bin. Auch das lokale Fernsehen wollte mich unbedingt interviewen. Dafür haben sie extra die T-Kreuzung gesperrt, wo die Bronze steht.

-Was haben Sie erzählt?

Wie liebevoll und zärtlich ich das Denkmal von Sir Daniel erstellt habe. Wenn man acht Stunden am Tag mit so etwas beschäftigt ist, entsteht ein Bezug, ein Dialog. Beim Modellieren gibt es eine ganz besondere Phase: Wenn die grobe Arbeit erledigt ist, geht es ja um die Details, lange bevor die Bronze gegossen wird. Das Hemd, die Nase, die Augen, den Kragen, weich im Übergang... Man glättet mit dem Spachtel das Plastilin. Das ist so, als ob man die ganze Zeit Sir Daniel über das Gesicht streichelt. So etwas fühlt sich immer sehr intim an.

Das Gespräch führte Hüseyin Ince.

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