DAS KOCHLER MARC-MUSEUM BEGRÜßT SEINE NEUE PARK-SKULPTUR VON PER KIRKEBY MIT EINER INFORMATIVEN SCHAU ÜBER IHN

Von Bäumen und Bergen

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Von Simone Dattenberger. Kunst und Natur als eineiige Zwillinge waren für Franz Marc selbstverständlich.

Das Geistige und das Körperliche trennte er nicht. Das Franz Marc Museum in Kochel am See passt deswegen wunderbar zu dieser Haltung seines Namenspatrons. Es liegt nicht nur in der von ihm geliebten Landschaft, sondern in einem Park fast schon außerhalb des Ortes. Und Direktorin Cathrin Klingsöhr-Leroy versucht, diesen Bezug stets lebendig zu halten. Deswegen hat sie jetzt einen anderen Naturliebhaber aus dem Norden nach Oberbayern geholt: den Dänen Per Kirkeby (Jahrgang 1938), ein gelernter Geologe übrigens.

Die Ausstellung im Haus ist sozusagen das Pendant zur zwei Meter zwanzig hohen Bronzeskulptur im Garten. „Torso-Ast“ (1988) präsentiert sich hier mit düsterer Kraft selbstbewusst als Kunstwerk, sucht zugleich den Dialog mit Bäumen und Bergen ringsumher. Obendrein verrät die raue Oberfläche die knetende, formende Hand des Künstlers – und erinnert doch an schrundige Rinden. Die Bezeichnung „Torso“ spielt ohnehin auf die alte Tradition des fragmentierten menschlichen Körpers an. In dieser Art der Reduzierung liegt das Potenzial, in der Fantasie, den Leib als Ganzes zu denken, zu sehen und zu schätzen, und zugleich das Potenzial, den Leib als Symbol der Hinfälligkeit allen Seins zu erkennen. Das menschliche schmiegt sich ins botanische Leben und umgekehrt. Eine Plastik, die deswegen Kraft und Trost spenden kann.

Außerdem hat Kirkeby Humor, und so kann man in „Torso-Ast“ aus einem bestimmten Blickwinkel zum Beispiel auch einen winkenden Teddybären erspähen. Dieses Ich-sehe-was-was-du nicht-siehst funktioniert noch besser im Museum, wo die fünf Kleinbronzen aus der Serie „Kopf zu Hause“ (1991/92) zu vielen Grübel-Späßen einladen. Da wird wunderbar klar, dass moderne Kunst sich nicht als Gscheiderl geben muss, sondern den Betrachter einladen kann, einfach mitzutun. Die beiden Arbeiten „Zwei Arme“ beziehen sich viel deutlicher auf den „Torso“, sind freilich auch lustig, weil sie fast naiv-innig das Hochrecken wie das Sich-Umschlingen der Arme abstrahieren.

Neben diesen dreidimensionalen Werken – von den bekannten Ziegelbau-Skulpturen Kirkebys gibt es kein Beispiel – kann das Museum groß- und kleinformatige Zeichnungen vorstellen. Die Kombination aus Kohle, Bleistift, Gouache oder auch Tusche und Wachskreide (zwischen 1981 und 1994) sind teils Überlegungen zu Plastiken, teils freie, wuchtige, geheimnisvolle Bilder. Breitet sich da Wurzelgeflecht vor uns aus, das Tiefe und Höhe zusammenhält oder sogar zusammenzwingt? Laufen dort zwei Strohperchten, um den Winter zu vertreiben? Ist das eine Felswand, in die sich Pflänzchen überlebenstüchtig krallen? Und wedeln dort Fächerpalmen über Basaltblöcken? Während diese Zeichnungen Per Kirkebys sehr durchdacht und kontrolliert erscheinen, zeigt das einzige Gemälde einen Kerl, der richtig gern rumfetzt. Es empfängt im Foyer die Besucher mit ungeniertem farbigem Chaos, aus dem heraus sich indes doch das Dunkle und das Helle die Arme entgegenzustrecken scheinen.

Das ist wieder ein schöner Fingerzeig auf den „Torso-Ast“-Arm im Freien. Dort wird die Dauerleihgabe einige Jahre bleiben. Sie gesellt sich knorrig zu den anderen Park-Plastiken: dem Geometriespiel von Alf Lechner, der Zickzackschlange von Hans Arp und der „Ruhenden“ von Hans Stangl. Sie schläft jetzt in der neu angelegten Gartenerweiterung und wird von der „Stehenden“ bewacht, einer Leihgabe des Münchner Lenbachhauses. Von den beiden realistisch aufgefassten Frauenakten gibt es eine schöne Verbindung einerseits zu einem Aussichtpunkt über Kochel und das Moos, andererseits zum „Torso-Ast“.

Bis 3. Oktober

Di.-So. 10-18 Uhr; Franz-Marc-Park 8-10; Telefon 08851/ 92 48 80; Eintritt: 8,50 Euro; Katalog: 12,50 Euro; Oster-Kurse: Tel. wie oben oder besucherdienst@franz-marc-museum.de

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