Bärenstarke Botschaft

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Zum Abschluss der 65. Internationalen Filmfestspiele Berlin .

Berlinale ehrt „Taxi“, den Film des verfemten iranischen Regisseurs Jafar Panahi

von marco schmidt

Im Kino liegt die Wahrheit. Oder, wie der Lateiner sagt: „In kino veritas“. Der iranische Regimekritiker Jafar Panahi hat in Filmen wie „Der Kreis“ (Goldener Löwe in Venedig 2000) oder „Offside“ (Silberner Bär in Berlin 2006) vor allem die frauenfeindlichen Vorschriften in seinem Heimatland angeprangert. Seine Filme wurden im Iran verboten, Panahi zu sechs Jahren Haft verurteilt; er steht derzeit unter Hausarrest und wurde mit 20 Jahren Berufsverbot belegt. Trotzdem ist es ihm schon zum dritten Mal gelungen, heimlich einen Film zu drehen und außer Landes zu schleusen: „This is not a Film“ wurde 2011 auf einem USB-Stick in einer Torte nach Cannes geschmuggelt, „Pardé“ bekam bei der Berlinale 2013 den Drehbuchpreis, und sein jüngster Streich „Taxi“ gewann nun in Berlin gar den Goldenen Bären – völlig zu Recht.

Die Juryentscheidung ist keineswegs bloß ein starkes politisches Zeichen für die Meinungsfreiheit, sie ist auch künstlerisch gerechtfertigt. Denn Panahis Film ist nicht nur gut gemeint, sondern richtig gut. Er spielt komplett im Inneren eines Taxis, in dem der furchtlose Regisseur drei kleine Kameras installiert hat; er selbst mimt den Fahrer, der diverse Kunden durch Teheran kutschiert: etwa seine naseweise Nichte, die für ein Schulprojekt einen Film drehen soll, zwei abergläubische Frauen mit einem riesigen Goldfischglas, eine engagierte Menschenrechts-Anwältin oder einen Schwarzhändler, der Raubkopien von im Iran verbotenen Filmen verhökert. Panahi setzt Humor als Waffe ein: Ihm gelingt eine geistreiche Satire, die messerscharf die Zustände im Iran seziert. Eine verblüffend leichtfüßige, warmherzige Komödie, die zeigt, wie gewitzt die Menschen sich gegen Repressalien wehren. Und „eine Liebeserklärung an das Kino von einem Regisseur, der sich nicht unterkriegen lässt“, wie Jurypräsident Darren Aronofsky („Black Swan“) treffend sagte.

Hana Saeidi, das zehnjährige Mädchen aus dem Film, nahm den Goldenen Bären für ihren Onkel entgegen. Auf der Bühne reckte sie zunächst triumphierend die rechte Hand mit der Trophäe in die Höhe – doch dann, überwältigt vom Jubel im Saal, brach sie zusammen. „Ich kann nichts sagen, ich bin zu ergriffen“, schluchzte sie. Jurymitglied Daniel Brühl versuchte, sie zu trösten: „Nicht weinen“, flüsterte er ihr zu. Doch auch viele Zuschauer konnten in diesem Moment ihre Tränen nicht zurückhalten.

Weitere Hauptpreise der 65. Berlinale gingen ebenfalls an politisch engagierte Filmemacher, darunter gleich zwei Chilenen: Pablo Larraín brandmarkt in seinem Drama „Der Club“ (Großer Preis der Jury) den Umgang der katholischen Kirche mit Kindesmissbrauchsfällen, Patricio Guzmán legt in seiner poetischen Dokumentation „Der Perlmuttknopf“ (Drehbuchpreis) die blutigen Spuren des Pinochet-Regimes in Patagonien frei. Und Jayro Bustamantes großartiges Regiedebüt „Ixcanul“ (Alfred-Bauer-Preis) kritisiert die Unterdrückung der Maya-Bauern in Guatemala. Mit ihrem klugen Votum hat die Jury die besten Filme in einem sehr durchwachsenen Wettbewerb prämiert, in dem vor allem die Altmeister enttäuschten – etwa Werner Herzog mit seinem schwülstigen, unfreiwillig komischen, buchstäblich in den Sand gesetzten Wüsten-Melodram „Queen of the Desert“ (wir berichteten) oder Terrence Malick mit seinem unerträglich prätentiösen, unfreiwillig peinlichen Machwerk „King of Cups“.

Riesenbeifall gab es für den Entschluss der Jury, beide Darstellerpreise für denselben Film zu vergeben: für „45 Years“, ein äußerst fein gearbeitetes Kammerspiel über eine 45-jährige Ehe, die durch eine lange zurückliegende Liebesgeschichte ins Wanken gerät. Tom Courtenay stahl sich auf der Bühne ein Küsschen von Jurymitglied Audrey Tautou und meinte dann trocken: „Mein Freund Albert Finney hat diesen Preis 1985 gewonnen – ich habe also nur 30 Jahre gebraucht, um mit ihm gleichzuziehen!“ Und Charlotte Rampling erinnerte in ihrer Dankesrede an ihren Vater, einen Sprinter, der 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin eine Goldmedaille geholt hatte: „Als ehrgeiziges Mädchen wollte ich seitdem auch einmal etwas in Berlin gewinnen. Und hier bin ich!“

Großen Jubel im Saal schließlich für die Auszeichnung des couragierten Kameramanns Sturla Brandth Grøvlen: Er hat das einmalige Kunststück geschafft, den 140 Minuten langen Thriller „Victoria“ des deutschen Regisseurs Sebastian Schipper („Absolute Giganten“) an rund 20 Berliner Schauplätzen in einer einzigen, ungeschnittenen, rauschhaften Kameraeinstellung zu drehen. „Dieser Film wird weltweit die Kinos rocken“, prophezeite Aronofsky.

So stand das beglückende Berlinale-Finale ganz unter dem Titel-Motto des neuen Films von Ehrenpreisträger Wim Wenders, der außerhalb des Wettbewerbs seine Weltpremiere feierte: „Every Thing Will Be Fine“. Oder, wie die Inder sagen: „Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende!“

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