DIE GRAPHISCHE SAMMLUNG MÜNCHEN BLÄTTERT „SKIZZENBUCHGESCHICHTE[N]“ IN DER PINAKOTHEK DER MODERNE AUF

Augenblick, verweile doch

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Ein Blick in Carl Spitzwegs Skizzenbuch aus dem Jahr 1858 mit einer Stadtansicht. Foto: Staatliche Graphische Sammlung München

von teresa Grenzmann. Eine Hand, eine Blüte, der Kopf eines schlafenden Kindes, ein Gebäude, eine Landschaft und die Farben dazu, eine Begegnung, ein Datum, ein Gedanke.

Allzu vieles zieht vorbei, wenn es nicht augenblicklich festgehalten wird. Doch wer ein Maler ist, Zeichner, Bildhauer oder Architekt, hat vielleicht im selben Moment einen Eintrag in sein Skizzenbuch gemacht.

Seit Jahrhunderten ist dieses ein wichtiges Requisit im künstlerischen Schaffensprozess. Darum begann die Staatliche Graphische Sammlung München im Juni 2015 innerhalb eines Forschungsprojektes mit der Sichtung ihrer Bestände. Etwa 260 Büchlein, die ältesten aus dem 18. Jahrhundert, sind nun erfasst; in der Pinakothek der Moderne zeigt die Ausstellung „SkizzenBuchGeschichte[n]“ eine Auswahl und versucht sich – als erste ihrer Art – an einer Typologie.

Das beginnt im Flur zur Schau im Erdgeschoss mit einer groben Differenzierung und knappen Entwicklungsgeschichte des Mediums im Rahmen des Bestands – von der Digitalfotografie als Weiterentwicklung etwa ist nicht die Rede. Bei der exemplarischen „Spurensuche“ für die Zuordnung von Einzelblättern begegnet der Besucher dann unter anderen Paul Cézanne, Pierre Bonnard und August Macke. Doch anders als im Katalog geht es in der Ausstellung nicht primär um die Geschichten, welche die Skizzenbücher über ihre Künstler erzählen. Es geht um die Geschichten, welche die Skizzen über ihre Skizzenbücher erzählen – um sie einem von acht Zwecken zuzuordnen. Grob zusammengefasst sind dies: Alltag, Forschung, Lehre, Sammeln, Reise, Studium, Kreativität und Privatraum. Das aber erscheint für dieses feine, kleine und doch so wichtige individuelle Medium zu unpersönlich. Im Moment einer Doppelseite erstarrt liegen die lebendigen Büchlein in Vitrinen; doch ein gewachsenes Sammelsurium passt in keine Schublade. Darüber helfen auch zwei Blätterfilmchen und einige Faksimiles zum Durchschauen nicht hinweg. Auch die Möglichkeit einer aufschlussreichen chronologischen Anordnung schließt diese Zuordnung aus.

Gewiss macht es Spaß, François de Cuvilliés d. J. bei seinen Palladio-Studien und Johann Georg von Dillis auf seinen Italienreisen zu begleiten. Zu lesen, was Paul Klee im Münchner Frühjahr 1911 in sein Tagebuch notierte. Und die 36 Blätter, die Franz Marcs „Skizzenbuch aus dem Felde“ (dem Ersten Weltkrieg an der Westfront 1915) bilden, sind eine Augenweide, wenn auch eine traurige. Aber für die angedachten Dialoge zwischen Künstlern und Betrachtern fehlen einfach die Künstler. Umso wichtiger ist es, beim Betreten des Saales nicht an dem Kasten mit den kleinen grauen Heftchen vorbeizulaufen. Darin sowie im Katalog verbergen sich nämlich die eigentlichen Skizzenbuchgeschichten. Und im ausliegenden Gästebuch wachsen stetig neue.

Bis 21. Mai,

Di.-So. 10-18 Uhr, Do. bis 20 Uhr;

Publikation mit Bestandskatalog: 39 Euro.

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