GUDRUN SPIELVOGEL ÜBER 30 JAHRE MÜNCHNER OPEN ART, DEREN ANFÄNGE UND DAS AKTUELLE GALERIEN-WOCHENENDE

„Da war Aufbruchstimmung!“

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Interview zum Jubiläum . Die Open Art, Initiative Münchner Galerien zeitgenössischer Kunst, feiert heuer ihr 30-jähriges Bestehen.

Der festliche Auftakt Mitte September in die neue Ausstellungssaison ist längst zu einem festen Bestandteil im Münchner Jahreskreis geworden – fast so wie Oktoberfest oder Jakobidult. Natürlich geht es in den Kunst-Domizilen nicht so tumultuös zu, aber die Hiesigen sowie ihre Gäste feiern gern und genießen Kunst. Schließlich bekommt man sie in den 57 (Verkaufs-)Galerien umsonst zu sehen und wird obendrein anregend beraten. Natürlich ist das das ganze Jahr über möglich, bei der Open Art ist es indes eine Fete, eine kunstnarrische. Die Münchner Galeristin Gudrun Spielvogel, Vorstand und Sprecherin der Initiative, führt seit 1991 ihre Galerie und Edition. Sie widmet sich konsequent ungegenständlicher Kunst, ob konkret oder lyrisch. Mit ihr sprachen wir über das Jubiläum.

-Erinnern Sie sich noch an die Euphorie vor 30 Jahren, als die Open Art startete?

Die Euphorie kannte man noch nicht, aber die Neugierde war da, was aus dem Projekt wird. Das Ziel war, gemeinsam etwas zu unternehmen – wie in der Vorvergangenheit die Galerien in der Maximilianstraße, die Keimzelle der Münchner Kunstgemeinschaft, die ihre Ausstellungen am ersten Donnerstag im Monat zusammen eröffnet haben. Das war das Vorbild. Man sagte schließlich, warum nur eine Straße, warum nicht ein ganzes Viertel? Und vor 30 Jahren war das Gärtnerplatzviertel das kreativste Gebiet. Wenn man zurückdenkt an einen Heinz Herzer, einen Rupert Walser oder Walter Storms und Naila Kunigk, die die Open Art ins Leben gerufen haben, ist klar: Die wussten nicht, wie’s endet. Die Intention war, gemeinsam etwas zu unternehmen und Networking zu treiben. Heute ist das selbstverständlich und durchs Internet leicht möglich. Die Frage war, wann alle bereit sind zu einem Galerien-Wochenende. Und da hieß es: okay, nach der Sommerpause Mitte September.

-Die Bezeichnung Open Art ist geblieben.

Den Titel finde ich nach wie vor gut, weil er die Hemmschwelle für Besucher senkt. Vor 30 Jahren war eine Galerie eine Institution, vor der man Respekt hatte und dachte, was machen die da eigentlich? Parallel hat man Veranstaltungen gemacht, etwa in der Lothringer 13 oder in der Rathausgalerie. Es war toll, weil es nicht kommerziell war. Damals ist Herzer noch mit seiner Schwarz-Weiß-Kamera herumgegangen, hat fotografiert und seine Hauspostille herausgegeben – heute hat man Instagram. Da war Aufbruchstimmung!

-Was hat sich in den drei Jahrzehnten geändert? In der Präsentation? Bei den Besuchern?

Wir haben dazu beigetragen, dass die Initiative ins Bewusstsein eingedrungen ist. Heute ist es so, dass ich Veranstaltungen integriere zum Beispiel von Karl & Faber. Das Auktionshaus gehört zwar nicht zur Galerien-Initiative, aber es öffnet bei der Open Art zur gleichen Zeit. Oder jemand ruft an: „Frau Spielvogel, Sie sind zuständig für die Open Art, kann ich da mitmachen?“ Der Begriff hat sich eben eingebrannt. Über die Präsentation muss man jetzt natürlich im Internet informieren, damals gab es nur ein Faltblatt und den Katalog, den wir übrigens immer noch herausbringen. Heute leben wir damit, dass wir für Nebenveranstaltungen kein Geld haben; für den Katalog und anderes sind wir Partnerschaften eingegangen.

-Ist die Reichweite der Open Art denn größer geworden?

Was sich in den Jahren geändert hat, ist, dass wir über München hinausgehen und neue Kooperationen eingegangen sind. Unter anderem mit der „Tourismus Initiative München“. Die übliche Förderung für uns läuft übers Kulturreferat. Die Stadt München hat aber noch das Amt für Tourismus. Seit Frau Knudson es leitet, weht da ein frischer Wind. TIM ist ein Zusammenschluss von Brauereien, Hoteliers und den kulturellen Säulen der Stadt. Deswegen haben wir auch eine zweite Veranstaltung im Oktober: Plateau. Sie fällt in den sogenannten Kulturherbst der Stadt. Geraldine Knudson und TIM ist es daran gelegen, München als Kulturstadt weiter mehr bekannt zu machen – und nicht nur mit Bier, Seppelhose und Fußball zu werben. Dabei müssen wir Galeristen kontinuierlich im Hintergrund arbeiten.

-Hat das Internet, das Smartphone Ihre Klientel visuell beeinflusst?

Mit dem Internet erreicht man die Jüngeren, das darf man nicht von der Hand weisen. Das große Sammlerpublikum ist immer noch analog – im Schauen und im Geldbeutel. Deswegen glaube ich, dass wir in einer Umbruchzeit leben, in der man auf beide Gruppen achten muss. Jetzt gibt es mehr den Anlagesammler. Die Open Art ist ja ein Event, zu dem man radelt, bei dem sich der Münchner trifft, sich umschaut, was es Neues gibt. Aber generell ist es so, dass die Leute viel reisen und viel auf Messen unterwegs sind. Das ist ein kundiges Publikum, dem ich nichts mehr vom Pferd erzählen muss. Und es gibt ein junges Publikum, das nach neuen Ansätzen sucht. Die Menschen sind nicht mehr so spontan wie früher. Die Herzensverbundenheit mit der Kunst existiert nicht mehr. Das Verhalten ist schaumgebremst. Es gibt ein sehr interessiertes Publikum, das nicht aufs Geld schaut und die Kunst unterstützt.

-Zum Eröffnungsfest der Open Art wird in der Hochschule für Fernsehen und Film eine Dokumentation über die Galeristen-Initiative seit den Achtzigerjahren präsentiert.

Der Film gibt eine Außensicht wieder. Wir haben ihn zwar in Auftrag gegeben, wir haben auch die Rechte, aber wir wollten keinen Werbefilm. Alf Meier vom BR hat zum Beispiel den Film über den NSU-Prozess gedreht. Meine Überlegung war: Was macht man zum 30-Jährigen? Und Meier hatte schon mal zu mir gesagt, dass er gern einen Film über Galeriearbeit drehen würde – darauf bin ich dann zurückgekommen. Vor einem Jahr hat er angefangen zu drehen. Natürlich geht der Film auch zurück in die Geschichte: Davon erzählt zum Beispiel unser Nestor Raimund Thomas, während er durch die Maximilianstraße schlendert. Das ist auch Münchner Historie.

-Wie sieht die Zukunft der Open Art aus?

Ich wünsche mir, dass sie weiterlebt, dass die Neugierde wiederkommt, und ich wünsche mir, dass die jungen Galeristen nicht nur netzwerken, sondern dass sie außerdem bei der Initiative aktiv mitmachen.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

Zurück zur Übersicht: Kultur & TV

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare