Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


MIRGA GRAŽINYTĖ-TYLA DIRIGIERT GIACOMO PUCCINIS „LA BOHÈME“ AM SALZBURGER LANDESTHEATER

Athletik im Schneetreiben

NEUPRODUKTION . VON MARKUS THIEL.

Der Blick aufs Thermometer bringt Gewissheit und auch der in die Foyers. Drei Grad draußen, drinnen pragmatische Eleganz statt Smoking und Klunker: Nein, es sind tatsächlich keine Festspiele in Salzburgs Haus für Mozart. Trotzdem klingt es so. Vier Monate noch darf sich das dortige Landestheater und mit ihm sein begeistertes Publikum an der Chefdirigentin laben. Ein Doppelprojekt über den litauischen Komponisten Bronius Kutavicius in Mai und Juni, aktuell der Hit „La bohème“, diese beiden Produktionen betreut Mirga Gražinytė-Tyla in ihrer verbleibenden Zeit, dann ist sie endgültig entschwunden Richtung Birmingham und Los Angeles zu ihren dortigen Positionen.

Zuvor lernt man, wie man Puccini serviert. Es gibt tatsächlich, Mirga Gražinytė-Tyla führt es mit dem Mozarteum-Orchester vor, eine Überwältigungstaktik ohne Buttercreme-Schlacht. Muskulöses, Athletisches, Präzises dringt aus dem Graben. Die Phrasen erobern sich weit ausschwingend Raum, behalten aber genau umrissene Kontur. Die vielen, auch überraschenden Details fügen sich wie selbstverständlich ein. Trennscharf liegen die Klangebenen bloß, werden parallelisiert, zusammengeführt, übereinander geblendet, jedoch nie verwischt. Lyrisches bedeutet nie Larmoyanz, sondern ist ebenso spannungsvoll erfüllt wie die große Geste. So flexibel, so genau, so bewusst gestaltet wünscht man sich (nicht nur) Puccini eigentlich immer. Gut, einiges ist zu laut, zu knallig. Das mag an der Akustik der nicht alltäglichen Spielstätte liegen. Ab und zu darf das Team des Landestheaters ja zum großen Bruder, also in die Festspielhäuser. Das Haus für Mozart lädt wohl dazu ein, endlich mal loszulassen, egal – ein, zwei gefährdete Spitzentöne der Sänger werden dabei sogar gnädig ummäntelt.

Für den Betriebsausflug in der eigenen Stadt spendiert das Haus hervorragende Kräfte. Luciano Ganci (Rodolfo) kommt im Forte erst richtig auf Betriebstemperatur, Shelley Jackson (Mimì) ist mit ihrem apart dunklen, leicht ansprechenden Sopran wohl lyrischer, als sie es sich selbst manchmal denkt. Beiden wird – vokal und im Spiel – fast die Schau gestohlen vom Pracht-Marcello des David Pershall. Und auch Hailey Clark ist keine spitze, kalte Musetta, sondern könnte fast eine Rivalin Mimìs sein. Gerne hätte man in der Aufführung mehr gewusst von diesen jungen Menschen, denen es, Andreas Gergen legt das nahe, so schlecht gar nicht gehen kann.

Der Regisseur und Operndirektor des Landestheaters verpasst mit Kostümbildnerin Regina Schill den Bohémiens passable Klamotten von heute. Statt ins Notizbuch zu kritzeln, tippt Rodolfo seine Einfälle ins Apple-Notebook, während der dunklen Pariser Stunden geht’s in den Nachtclub: Offenbar überweisen Papa und Mama die Privatstipendien regelmäßig auf die Konten ihrer munteren Früchtchen. Um das Engagement der international gefragten Videokünstler von fettFilm zu rechtfertigen (auch als Bühnenbildner!), gibt es Mimì als Großeinblendung, dazu schöne, raffiniert flackernde Projektionen auf den Fassaden. Immer wenn’s kalt, arm und krank wird, rieselt leise der virtuelle Schnee.

Das Personal wird von Gergen versiert und gut beschäftigt, vieles bleibt illustriert. Die Fallhöhe des Stücks freilich, die Tragik gerade am Ende, wenn Rodolfo dem Sterben seiner Mimì hilflos und verdrängend beiwohnt, erschließt sich kaum. Ein paar Brechungen gibt es, zwischen gespenstischer Mahnung und juveniler Aufgekratztheit. Der Chor bevölkert wie eine Trauergesellschaft aus dem 19. Jahrhundert die Bühne. Vor Beginn müssen Twens in Weiß und mit Kopfhörern 20 Minuten lang abtanzen. Immer wieder kehren Letztere zurück, auch im Café-Bild. Dort marschiert keine Musikkapelle partiturgemäß durchs Bild, dafür stampfen Beats im selben Rhythmus aus einem Lautsprecher. Ein, maximal zwei Karriereumdrehungen weiter, und solche Eingriffe dürften an Mirga Gražinytė-Tyla abprallen.

Weitere Aufführungen

2., 5. und 11. März, die Abende am 17., 19. und 22. März dirigiert Adrian Kelly; Tel. 0043/ 662/ 871 51 22 22.

Kommentare