CHRISTIAN THIELEMANN FREUT SICH AUF „TOSCA“ BEI DEN SALZBURGER OSTERFESTSPIELEN – EIN STÜCK, DAS ER SELTEN DIRIGIERT HAT

Appetit auf Italienisches

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Bei Christian Thielemann hat sich mittlerweile ein Rhythmus herauskristallisiert.

Der Sommer ist mit Bayreuth für Wagner reserviert, in Salzburg gibt es zu Ostern Italienisches – abgesehen von den „Meistersingern“ 2019. Heuer steht bei den Osterfestspielen Puccinis „Tosca“ an, Premiere ist an diesem Samstag.

-Wie lange ist Ihr letztes Tosca-Dirigat her?

Ewig, vielleicht 25 Jahre. Ich habe das Stück in Hannover und Düsseldorf, später nochmals andernorts gemacht. Immer ohne Probe, gleich rein. Danach kam’s mir nicht mehr unter.

-„Tosca“ scheint ein so gut gebautes Werk zu sein, das fast automatisch funktioniert. Muss man da gar nicht mehr viel dazutun?

Das ist ein großer Irrtum. Es ist sehr schwer, eine gute Tempo-Regie herzustellen. Und zwar mit geschmackvollen Verzögerungen. Geschmack ist überhaupt das Wichtigste bei Puccini! Viele erfahrene Solisten haben ihre Partien ja überall gesungen, da schlichen sich oft ganz merkwürdige Aufführungstraditionen ein. Gerade heute auf der Probe habe ich gefragt: „Warum macht ihr denn da ein Ritardando?“ – „Weil wir das immer  so  gemacht  haben.“ Außerdem ist die rhythmische Genauigkeit oft ein Problem. Und: „Tosca“ ist ein höllisch lautes Stück. Ich bin selbst aus Aufführungen raus und dachte, ich bin halb taub. Die Dynamik-Regie ist also mindestens ebenso wichtig. Dass Cavaradossi im zweiten Akt sein „Vittoria!“ hält, bis alle Trommelfelle kurz vorm Platzen sind, wird es bei uns nicht geben. Wir ziehen da alle an einem Strang.

-Das Stück ist mit genauen Zeit- und Ortsangaben historisch festgelegt. Fühlt man sich dadurch als Dirigent sicher vor Regie-Experimenten?

Da wäre ich mir nicht so sicher. Regisseur Michael Sturminger inszeniert hier absolut idiomatisch. Dem Stück wird weder Gewalt angetan, noch wird man mit Schockeffekten geärgert. Trotzdem gibt es einige erstaunliche Lösungen.

-Sind die Osterfestspiele für Sie auch eine Nachholaktion in Sachen italienisches Repertoire?

Das würde ich nicht so sagen. Durch meine intensive Beschäftigung mit Wagner und Strauss bin ich eben von diesem Repertoire ziemlich abgekommen...

-...wozu ja immer zwei gehören. Haben Sie sich nicht selbst das Etikett „Deutschromantiker“ aufgeklebt?

Also das war 50 zu 50. Als Peter Ruzicka damals Intendant in Hamburg war, ließ er mich sehr frühzeitig an Wagner heran – obwohl das eigentlich die Domäne der älteren Kollegen war. Ich wurde verführt, habe gern mitgemacht, und mit einem Mal war der Kalender damit voll. Aber inzwischen kommt für mich immer mehr etwas anderes dazu. Es geht nicht darum, ob Wagner oder italienisches Repertoire, sondern um Beruf oder Privatleben. Mir machen Oper und Konzert schon unglaublichen Spaß. Doch muss es daneben noch etwas anderes geben. Das bringt auch Inspiration für die Dirigate.

-Und was sagen Sie dem Thielemann-Fan, der sich beschwert, dass Sie in Dresden so wenig im Operngraben stehen?

Na, ich bin eben Chefdirigent der Staatskapelle und nicht der Semperoper. Dann muss man neben Dresden nach Bayreuth, Salzburg oder Wien kommen. Ich bin in Dresden zuvörderst engagiert für die Konzerte und die Tourneen der Staatskapelle. Darüber hinaus nimmt mich Salzburg fast einen Monat in Beschlag – und dann gibt es eben keine Termine mehr.

-Welche Stücke funktionieren bei den Osterfestspielen nicht?

Hier erwartet man Luxusbesetzungen und Luxusklänge. Und auch wenn wir beide der Auffassung sind, dass Janáček ebenfalls Luxusklänge offeriert, teilt diese Meinung nicht jeder. Das Publikum will hier nicht unbedingt extrem Traditionelles, aber eben auf hohem Niveau angeregt werden. Auch Karajan hat in Salzburg viel mehr Italienisches aufgeführt als andernorts. Mir wurde gesagt, das gehört zu Salzburg einfach dazu. Und mir kommt dabei entgegen, dass ich diese Stücke gar nicht so häufig dirigiert habe. Andere würden stöhnen, ich freue mich richtig darauf. Am schlechten Ruf eines sogenannten Etiketts sind übrigens auch die Medien schuld. Ein Etikett kann nämlich etwas sehr Gutes haben. Keiner erwartet schließlich von einem Dirigenten, Pianisten oder Tenor, dass er alles gleich gut kann.

-Und was passt nicht zu Ihnen?

Ich habe mich zum Beispiel mal darüber geärgert, dass ich zweimal Janáček dirigiert habe, obwohl ich kein Tschechisch kann. Das passt einfach nicht, ich fühlte mich in der Musik sehr wohl, aber nicht in der Situation.

-Wie lange läuft denn Ihre Salzburger Planung?

Bis 2020, 2021, wie in Bayreuth.

-Aber für Bayreuth dürften Sie sich doch etwas viel Langfristigeres vorgenommen haben.

Wahrscheinlich haben Sie Recht. Dort muss man mich wohl mit den Füßen voran hinaustragen.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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