Anschwellender Redefluss

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Gibt sich als Lamm, ist aber ein Wolf geblieben: Der Passauer Kabarettist Sigi Zimmerschied (62). Foto: MM

Sigi Zimmerschieds neues Programm „Tendenz steigend“ in der Münchner Lach & Schieß. Von Rudolf Ogiermann.

Der Mandl Erwin, vermutlich ein CSUler, ist „ein guter Politiker“, gegen die Kirche lässt sich auch nichts mehr sagen, wenn sogar der Weihbischof in einer WG wohnt. Und Comedy? Warum nicht, man muss ja nicht immer draufhauen wie die „selbstgerechten Kabarettisten“. „Froh zu sein bedarf es wenig“, singt Sigi Zimmerschied auf der Bühne der Münchner Lach- und Schießgesellschaft und gibt lächelnd das Lamm. Wie jetzt? Kein Feindbild mehr? Keine Angst, der Veteran aus Passau bleibt sich auch in „Tendenz steigend – Ein Hochwassermonolog“ treu.

Was sich schon am Schauplatz zeigt, denn der ist, natürlich, wieder einmal seine Heimatstadt. Die periodisch wiederkehrende Naturkatastrophe bildet den Rahmen des Abends, die Wasserstandsmeldungen geben den Takt vor. Aus dem anschwellenden Redefluss tauchen Personen auf, wie sie typisch sind für Zimmerschieds ganz spezielle Kunst der Vergröberung und Verzerrung. Das Lesbenpaar Angelika und Gabi mit Sohn Nelson Elton Maria und Hund Caligula, der Neffe Berti, ein Nerd mit Hang zum Dschihad, der Bettler, Herr Rumpel, ein ehemaliger Banker – und noch ein paar andere.

(Regenbogen-)Familiäre Anarchie mit „Hundstrümmerln“ auf dem Tischtuch, die Lethargie der Ämter angesichts der herannahenden Fluten – es dauert nicht lang, bis auch Zimmerschied die Schleusen öffnet. Dann tost’s und zischt’s, dann spült der 62-Jährige die Symbole der modernen Zeiten mit wuchtigen Worten weg wie Donau und Inn das Mobiliar aus nicht geräumten Kellern. Wo’s gegen den „App“-Wahn und die neue Heimat „Facebook“ geht, gegen die Verkrüppelung des Hirns durch die praktischen neuen Helferlein, ist Zimmerschied in seinem Element: „Nur Fliegen halten einen Scheißhaufen für eine Kommunikationsplattform!“

Allerlei treibt schnell vorbei, es geht um Lauschangriffe, Österreicher und andere Migranten und immer wieder um Szenen aus einer Stadt im Ausnahmezustand. Eine beeindruckende Mischung aus komischem Talent und sprachlicher Urgewalt schwappt da ins Publikum, doch wirklich Neues ist nicht dabei, eine echte Struktur hinter den Miniaturen nicht erkennbar. Der ultimative Deichbruch bleibt aus. Wenigstens war die Wandlung zum Lamm nur vorgetäuscht, Zimmerschied bleibt der Wolf, als den man ihn kennt. Seine Fans wird’s freuen.

Weitere Termine:

Bis 7. 3., Di. bis Sa., um 20 Uhr, Telefon 089/39 19 97.

Zurück zur Übersicht: Kultur & TV

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare