Anarchisches aus Bayerns Ursuppe

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Fabrizieren anarchischen Heimatsound: (v.l.) Matthias Meichelböck, Michael von Mücke, Maxi Pongratz und Martin von Mücke. Foto: hans lauer

Die Oberammergauer Band Kofelgschroa legt mit „Zaun“ ihr zweites, herrlich schrulliges Album vor. Von Stefan Sessler.

In der Schmiede, da ist es passiert, da hat er sich den Daumen gebrochen. Den rechten. Maxi Pongratz wollte seinem Bandkollegen Michael von Mücke helfen, einen Nussknacker zu bauen. Danach: Notaufnahme, Schmerzen, wochenlang keine Musik. Das volle Katastrophen-Programm. Kofelgschroa haben sich, wenn man so will, einen Heimatschuss eingefangen. Und das ausgerechnet unmittelbar vor Veröffentlichtung ihres zweiten Albums, das kurz und knackig „Zaun“ heißt. Doch inzwischen ist das Schlimmste überstanden: Kofelgschroa, diese größte oberbayerische Musikentdeckung der vergangenen Jahre, ist schon fast wieder einsatzbereit. Der Finger ist auf dem Weg der Besserung. Gut so.

Denn es ist natürlich schön, sich die neue, durchweg hörenswerte, herrlich schrullige Platte in den CD-Spieler zu stecken und – zum Beispiel auf hoffentlich langen Autofahrten – einfach zuzuhören. Aber noch besser ist, diese vierköpfige Band auch mal live zu sehen. Sozusagen Pflichttermin für Freunde melancholischer, maximal erstaunlicher Musi from dahoam. Die vier windschiefen Kofelbuben fabrizieren einen anarchischen Heimatsound, der so eigen ist wie das berühmt-berüchtigte Dorf, aus dem sie kommen: Oberammergau.

Herrgottschnitzer, Querschädel, theaternarrische Passionsspieler, sie alle sind da zu Hause. Bayerns Ursuppe wurde an diesem Ort gekocht, da besteht kein Zweifel. Das ist auch einer der Gründe, warum Kofelgschroa immer wieder herhalten sollen, um den plötzlich saumäßig lässig klingenden Begriff Heimat einzufangen. Der neuerdings ja spätestens dann aufkreuzt, wenn die Provinz mal wieder um Längen cooler und echter ist als die Großstadt. Trachtenmode, Lieblingsbier, Lieblingswirtshaus und natürlich Lieblingsmusik: Der Münchner hält längst weit außerhalb der Stadt Ausschau, um Trends aufzuschnappen.

Kofelgschroa passen da – ob sie wollen oder nicht – wie die Faust aufs Zeitgeist-Auge. Dabei möchten sie doch einfach spielen und nicht so viel erklären. Demnächst auf einer kleinen Tour zum neuen Album. Und vorher Mitte November noch in Lima, Peru. „Da treffen sich Gebirgsvölker, die Musik machen“, sagt Maxi Pongratz (27). „Welche aus den Anden, vom Himalaya und welche aus Oberammergau. Passt ja gut.“ Kürzlich waren sie schon in Texas und in New Orleans. Auslandstour, weil sowas grad Spaß macht. Und weil man in der Fremde manchmal besser den Kopf frei kriegt als zu Hause. Aber verwurzelt sind Maxi Pongratz (Akkordeon), Michael von Mücke (Flügelhorn, Gitarre), Martin von Mücke (Helikontuba) und Matthias Meichelböck (Tenorhorn) halt doch mittendrin in Bayern. Die Songs sind in breitem Dialekt vorgetragen, auch so ein Erfolgsgeheimnis. Im neuen Lied „Takatukatrip“ heißt es: „Ich wär so gern a Elefant, weil koaner mir wos doa kannt./ Sau stark und gmiatlich rumliegn, morz Ohrwaschl und zfriedn.“

Der das Leben ziemlich auf den Punkt bringende „Zahnputz Walzer“ klingt so: „Wenn’s Zähnputzn ned so anstrengend/ War i scho lang im Bett.“ Eine ewige Wahrheit, keine Frage.

Längst sind die vier Kofelmusikanten weit über den Freistaat hinaus bekannt. Kürzlich kam ein nachdenklicher Film („Frei. Sein. Wollen.“) über sie in die Kinos, in seiner jüngsten Ausgabe schreibt das Musikmagazin „Rolling Stone“ über die vier jungen Männer, nämlich das: Dieses „introvertierte Kauz-Quartett“ mute an, „als ob Karl Valentin und Herbert Achternbusch sich bei ein paar Bier eine rührend verplante Volksmusikband ausgedacht hätten“. Was man zu 100 Prozent unterschreiben kann.

Kofelgschroa haben es geschafft: Aus einer nachdenklichen Band ist eine nachdenkliche Band mit einer zweiten Platte geworden. Auch das hätte nicht jeder für möglich gehalten. „Die Musik“, sagt Maxi Pongratz, „ist noch mehr in unser Leben gerückt.“ Die vier Kofelbuben müssen sich plötzlich mit Dingen wie Ruhm auseinandersetzen. Aber manchmal ist Ruhm gar nicht so schlecht, sondern wunderschön. Auf einem ihrer Konzerte haben sie vor einiger Zeit eine Hebamme getroffen. Eine werdende Mutter, erzählte die Hebamme der Band, habe sich noch im Kreißsaal einen Song von Kofelgschroa gewünscht. Vorher wollte sie nicht Mutter werden. Ein größeres Kompliment kann man auf dieser Welt nicht kriegen.

Kofelgschroa:

„Zaun“

(Trikont).

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