UNTER DEM MOTTO „EUROPA!“ WOLLEN DIE HERRENCHIEMSEE FESTSPIELE IHR PROFIL SCHÄRFEN

Ambitionierte Gratwanderung

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von tobias hell. Nicht wirklich neu erfunden, aber dennoch ein wenig neu geordnet haben sich in diesem Jahr die Herrenchiemsee Festspiele, die unter dem Motto „Europa!“ ein Programm vorstellen, das mit seiner Mischung aus Alt und Neu eine ambitionierte Gratwanderung vollführt.

Den Ausfall des ehemaligen Hauptsponsors, der sich 2016 zurückgezogen hatte, hat man in finanzieller Hinsicht inzwischen gut ausgeglichen, auch dank Unterstützung des Freistaats. Doch spiegelt sich dieser „Wechsel in die Realität“, wie es Geschäftsführer Josef Kröner formuliert, natürlich auch im Programm wider, das nun „nicht im großflächig Plakativen, sondern eher im Kammerspielbereich“ dramaturgische Akzente zu setzen versucht.

Große Oper, die in der Vergangenheit des Öfteren im Spiegelsaal von Schloss Herrenchiemsee auf dem Plan stand, sucht man heuer beispielsweise vergeblich. Was für die Festivalmacher jedoch zu verschmerzen ist. Gibt es in dem Bereich in der Region doch reichlich sommerliche Konkurrenz.

Stattdessen rückt zur Schärfung des eigenen Profils nun mit der Fortsetzung der Aufführung von Bachs Kantaten ein anderes Herzensprojekt in den Fokus, mit dem Enoch zu Guttenberg am 17. Juli im Münster Frauenchiemsee den diesjährigen Konzertreigen eröffnet. Und natürlich zählt der künstlerische Leiter mit seinen Ensembles – der Chorgemeinschaft Neubeuern sowie dem Orchester der Klangverwaltung – weiterhin zu den Säulen des Festivals. Ergänzt durch Gastspiele renommierter Künstler und Ensembles wie dem Signum Quartett, Giuliano Carmignola, Benjamin Appl, Julia Lezhneva und Fabio Biondi, der sich mit dem Orchester Europa Galante „musikalischen Migranten“ widmen wird. Dass im Kontext des diesjährigen Mottos natürlich auch Beethovens Neunte nicht fehlen darf, die am 29. Juli den Schlusspunkt setzt, versteht sich fast schon von selbst. Wobei Guttenberg nachdrücklich auf das Ausrufezeichen im Titel verweist, welches man sehr bewusst gesetzt hat. „Europa ist heute von einer Idee zu einem unabdingbaren Imperativ geworden. Und wir sehen ja sehr deutlich, was passiert, wenn Europa nicht funktioniert.“ So ist auch die zur europäischen Hymne umfunktionierte Sinfonie Beethovens für ihn keineswegs nur als Jubel zu deuten.

Dass neben diesem und anderen verkaufsträchtigen Klassikern im Spielplan ihres Festivals auch Platz für etwas wagemutigere Projekte vorhanden ist, gehört für Kröner daher ebenfalls zum Konzept. So unter anderem ein Abend mit dem Münchener Kammerorchester und seinem Chefdirigenten Clemens Schuldt, der Mozarts Es-Dur Sinfonie mit Musik von Schönberg, Hartmann und Lennox Berkeley in Beziehung setzt. Oder eine Lesung mit Mozartbriefen, bei der Guttenberg als Rezitator zu erleben sein wird.

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