PREMIERENKRITIK

Alterspanikattacke

In rekordreifer Boulevard-Form sind Herbert Herrmann und Nora von Collande zu erleben. foto: thomas grünholz
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In rekordreifer Boulevard-Form sind Herbert Herrmann und Nora von Collande zu erleben. foto: thomas grünholz

Die Komödie im Bayerischen Hof zeigt „Anderthalb Stunden zu spät“

von malve gradinger

Oh je, Rente – wer holt mich da raus! „Renteneinstiegs-Depression“ könnte man das Phänomen nennen, das seit einigen Jahren lohnenden Stoff für Film und Theater abgibt. Es ist, seien wir ehrlich, ein Wohlstandsphänomen. Wer vierzig Jahre knochenhart malochte, hat kein Problem mit dem „Ruhestand“. Aber gut, Gérald Sibleyras und Co-Autor Jean Dell liefern mit „Une heure et demie de retard“ (2005) ein sommerleichtes Konversationsstück, in dem Herbert Herrmann (auch Regie) und Lebensgefährtin Nora von Collande zu rekordreifer Boulevard-Form auflaufen.

Heiterkeit hoch drei in der Münchner Komödie im Bayerischen Hof. „Anderthalb Stunden zu spät“ kommen Pierre und Laurence zum Dinner bei dem befreundeten Ehepaar Chalmet. Weil Laurence keinen Bock hat, einfach nur reden will. Über die neue Lebenssituation: Pierre hat seine Anteile an der Kanzlei an Chalmet verkauft, ist jetzt Rentner. Ihre drei Kinder sind aus dem Haus, und ein Enkel ist auch schon da. Laurence: „Ich stehe am Rande eines Abgrunds, fühle mich alt, überflüssig, ich hab’ Angst.“ Die Zukunft bietet für sie nur niederschlagende Alternativen: „Bridge-Club? Das Senioren-Singen?“ Das Gedächtnistraining? Dieses depressive Existenzgefühl füllt nun echt nicht einen ganzen Abend. Und so lässt das Autoren-Duo recht gewitzt die Gedanken der von Alterspanik Geplagten weit und böse stichelnd ausschweifen: über die Chalmets, über Schwiegertochter und Schwiegersohn.

Das ist zwar eher Komödienfüllstoff, aber doch wie aus dem ganz realen Ehe-Alltag. Und einer kleinen komischen Aufgipfelung förderlich ist schließlich Laurences Geständnis, dass ihre einstige Affäre mit Jacques eine Lüge war. Die ihn, Pierre, damals, wie von ihr clever beabsichtigt, tatsächlich zu noch heißerer Liebe inspirierte – obendrein den braven Chalmet, dem er alles erzählte, zu außerehelichen Eskapaden. Und klar kommt auch aufs Tapet, dass sie, Laurence, den Beruf, die Karriere für Kinder und Familie geopfert hat. Also diese klassische moderne Klage, die wir jetzt nicht schon wieder hören wollten! Ist aber wurscht bei Herrmann und von Collande. Die beiden geben ihren Argumenten, Beschwörungen, Zugeständnissen und Pointen so viel Sprechtempo, halten so bombensicher die Balance zwischen der ja durchaus subjektiv real ernsten Gefühlslage und einer ironisch zwinkernden Distanz, dass man kaum zu kritischem Überlegen kommt.

Und dann hat von Collande durchgehend diesen offenen wachen Blick, auch so etwas von einer frechen Göre, dass man sich unwillkürlich an ihrer Mimik, ihrem jugendlichen Bewegungsspiel festsaugt. Wenn sie ihre wohlproportionierte Figur gewandt attraktiv durch das lichte Appartement (Bühne: Anja Wegener) schwingt, um an der wieder ausgekramten Staffelei noch mal ihr Mal-Talent zu testen, ist das schon die Viertels-Miete.

Auf alle ihre Aktionen reagiert Herbert Herrmann blendend getaktet, sprachwitzig wie körperlich. Dabei sieht man ihm seine 75 keine Sekunde an. Es scheint ganz so, als ob die private Lebensvertrautheit der beiden auf ihr Theaterspiel überstrahlt. Und das müsste künftige Rentner auf jeden Fall positiv stimmen.

Weitere Vorstellungen

bis 14. Mai;

Telefon 089/ 29 16 16 33.

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