Das alte Kind

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Auch mit den Kritikern rechnet er ab: Thomas Gottschalk, dessen größter Erfolg die Show „Wetten, dass...?“ war.

In „Herbstblond“ schreibt Thomas Gottschalk über Ernstes und Heiteres. Von Carsten Rave.

Er wird bald 65. Es ist ihm nicht unbedingt anzusehen, doch sein Alter macht ihm schon zu schaffen. Denn ein Berufsjugendlicher, der genau mit diesem Image immer gutes Geld verdient hat, macht sich vielleicht mehr Gedanken übers Altern als Otto Normalverbraucher, der froh ist, wenn ihm der Rentenbescheid durch den Briefschlitz flattert. Thomas Gottschalk hat seine Memoiren geschrieben und sie „Herbstblond“ betitelt. Was ihm immer noch die Möglichkeit offenlässt, in 15 Jahren, eine robuste Gesundheit vorausgesetzt, die Erkenntnisse seines Lebens mit dem Titel „Winterweiß“ noch einmal aufzulegen.

Das Altwerden und das Alter nehmen bei Gottschalk viel Raum ein. Der Blick in den Spiegel, der eher neutrale Umgang junger RTL-Redakteure mit ihm hinterlassen Spuren – das passt ihm alles nicht. Gerne saugt der gebürtige Bamberger Volkes Stimme auf wie in dieser Anekdote, die ihm vor nicht allzu langer Zeit in der neuen Wahlheimat Berlin widerfuhr: „Hat Dir schon ma eena jesacht, ditte aussiehst wie der Jottschalk?“, wurde er im Fahrstuhl angequatscht. „Ja, das passiert mir öfter.“ „Mann, damit kannste Jeld vadien!“ „Aber nicht so viel wie der.“ „Macht nischt, dafür biste zehn Jahre jünger.“ Er habe es nie für nötig gehalten, sich wie ein Erwachsener zu benehmen, und lebe in der Wahnvorstellung, ewig Kind bleiben zu können – „zur Not eben ein altes Kind“.

Neben vielen heiteren Anekdoten aus Kindheit, Jugend und Karriere, die sich lesen, als spreche permanent der „Wetten, dass...“-Dauerplauderer zu einem, überrascht der Possenreißer mit ernsthaften Tönen. Intensiv befasst er sich mit den Suiziden zweier Freunde und Weggefährten – Lebemann Gunter Sachs und Ex-MDR-Intendant Udo Reiter, der ihn förderte. Gottschalk schreibt, er respektiere die Entscheidungen von Sachs und Reiter, werde aber nicht versuchen auszusteigen, bevor er am Ziel sei.

Seinen Freunden, engen Kollegen, die ihn lange begleitet haben, schenkt Gottschalk viel Platz. Neben Reiter und Sachs widmet er einige Seiten dem verstorbenen Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki, der im Jahr 2008 den Deutschen Fernsehpreis fürs Lebenswerk ablehnte und Moderator Gottschalk gleich nach dem Eklat das Du anbot. Genauso geht es Unternehmer Hans Riegel aus Bonn („Haribo“), der Gottschalk 25 Jahre als Werbefigur hielt.

Auch Freund und Kollege Günther Jauch findet ausführlich statt. Der habe ihm berichtet, sich ernsthaft mit dem Gedanken zu tragen, kürzerzutreten. „Was er nie tut“, lästert Gottschalk. Nichts lässt Gottschalk auf seine mit ihm seit 1976 verheiratete Frau Thea kommen, sie habe seinetwegen auf eine Karriere verzichtet. Die Söhne Tristan und Roman leben nach ihrem Studium in den USA, der eine getrennt von der Mutter seines Kindes. Gottschalks Enkel lebt in Berlin und wird vom großen Meister persönlich ab und zu in den Kindergarten gebracht.

Recht umfangreich fällt auch die Abrechnung mit seinen Kritikern aus, die alles in allem „ein gerechtes Unentschieden“ hervorbringt. Die heftigste Anekdote ist mehr als 20 Jahre alt, als ein Sat.1-Magazin ihn als Scientologen outen wollte – bei dem fraglichen Thomas Gottschalk handelte es sich aber um einen nichtprominenten Träger dieses Namens.

Auch über sein Verhältnis zu Immobilien plaudert der 64-Jährige, schildert ausführlich den Erwerb seines Anwesens in Malibu (US-Bundesstaat Kalifornien) und auch den Kauf und Verkauf des Schlosses am Rhein. Allerdings habe er sich „alle Immobilienkäufe meines Lebens immer im Nachhinein schönreden müssen. Alles in allem habe ich bisher draufgezahlt, aber die Endabrechnung liegt ja noch nicht vor.“

Das Verhältnis zu seinem jüngeren Bruder Christoph beleuchtet Gottschalk in relativ wenigen Zeilen. Sie hätten sich ein paar Mal in die Haare gekriegt, sich dann aber wieder versöhnt. Beide wüssten, dass sie im Ernstfall füreinander da seien. So im sogenannten Schleichwerbeskandal rund um „Wetten, dass...?“, den vor allem der „Spiegel“ vor ein paar Jahren thematisierte.

Letztlich bewegte der schwere Unfall des Wettkandidaten Samuel Koch Gottschalk zum Rückzug von der ZDF-Show. Dass er danach bei ARD und RTL weitermachte, verteidigt er: „Hätte ich mich nach den Abschiedsfeierlichkeiten bei ,Wetten, dass...‘ aufs Altenteil begeben, hätte man mich zwar heiliggesprochen, aber das Nächste, was ich aus Deutschland gehört hätte, wäre mein Nachruf gewesen.“

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