Alles gelogen

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PORTRÄT ZUR PREMIERE . Eine Mischung aus Theater und Vernissage: Eyal Weiser bringt am Münchner Volkstheater „Nystagmus“ heraus.

von katrin hildebrand

Augen auf – oder heißt es besser: Ohren auf? Bei Eyal Weiser muss man aufpassen. Zumindest wenn es um seine Arbeit geht. Manipulation, Fakten und Fiktion spielen in der Kunst des Israelis eine zentrale Rolle. Nicht unbedingt als Inhalt seiner Stücke. Vielmehr setzt Weiser die Verdrehung von Realität und Illusion als Stilmittel ein – um den Zuschauer zu verwirren.

So auch bei seiner neuen Inszenierung „Nystagmus – Eine große deutsche Kunstausstellung“, die an diesem Samstag im Münchner Volkstheater herauskommt. Der Mix aus Theater und Vernissage wurde vom Regisseur gemeinsam mit dessen Lebensgefährten Rami Maymon entwickelt und markiert einen wichtigen Schritt in Weisers Schaffen. Es ist seine erste Zusammenarbeit mit dem Volkstheater.

Zwar hat das Haus an der Brienner Straße bereits zwei Weiser-Dramen gezeigt. Doch waren das Produktionen des experimentellen Tmuna Theaters Tel Aviv. Sie kamen im Rahmen des Festival „Radikal jung“ nach München. „Nystagmus“ nun nimmt direkt Bezug auf die bayerische Landeshauptstadt und deren historischer Verknüpfung mit dem Nazi-Terror. „Nystagmus“ ist der medizinische Begriff für ein unkontrolliertes Zucken des Augapfels. Adolf Hitler soll den Vertretern der künstlerischen Avantgarde eine solche Krankheit unterstellt haben, weil sie in ihren Werken die Realität nicht eins zu eins abbildeten.

Der Untertitel „Große deutsche Kunstausstellung“ wiederum verweist auf eine NS-Propagandaschau, die erstmals ab Juli 1937 in München zu sehen war. Im Haus der (damals noch) Deutschen Kunst präsentierten die Nazis martialische Akte, Postkarten-Kitsch, Stillleben, Porträts des herbeihalluzinierten arischen Menschen, eben alles, was sie offiziell für ästhetisch und gut hielten. Die wahren Meister, sämtliche Vertreter der modernen Malerei, stellten sie kurz darauf als „Entartete Kunst“ in den Hofgartenarkaden aus.

Was das mit Eyal Weiser zu tun hat? Der 38-Jährige thematisiert in seinem neuen Stück nicht nur Deutschland und die Nazis. Seine eigene Familie kommt zum Teil von hier. Seine Großmutter tanzte bis 1933 an der Frankfurter Oper. Als Jüdin floh sie nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten ins Ausland. Heute lebt sie in Tel Aviv. „Sie ist eine einzigartige Person – und in meinen Augen typisch deutsch“, meint Weiser.

Der Holocaust, München als Hauptstadt der Bewegung, seine Arbeit als israelischer Regisseur in Deutschland: Das alles brachte Weiser auf die Idee, ein Stück zu schreiben, das sich aus heutiger Warte mit dem Propaganda-Apparat der Nazis auseinandersetzt. „Hitler kam bei der Masse so an, weil er ein erstaunlicher Regisseur war“, analysiert Weiser. „Er brachte die Leute dazu zu glauben, dass seine Ideologie die Wahrheit sei. Heute, in der modernen Demokratie bringen wir zum Glück keine Menschen mehr um, aber wir manipulieren die Leute immer noch, wenn auch ganz subtil durch die Medien.“ Dass das Dilemma des Menschen, niemals ganz zu wissen, was wahr und was eine Lüge ist, Stilmittel der meisten Weiser’schen Dramen ist, hat einen Grund. „Es ist meine kleine Rache an der permanenten Manipulation“, sagt der Regisseur. „Ich schaffe auf der Bühne eine Lüge, die sehr wahr wirkt. Bei genauer Recherche aber finden die Menschen heraus: Alles gelogen. Wenn sie diese Erfahrung im Theater gemacht haben, werden sie vielleicht auch skeptischer gegenüber unserer Lebensumgebung und deren vermeintlichem Wahrheitsgehalt.“

Die Produktion „Nystagmus“ soll diesen Effekt in einem Mix aus Ausstellung und Performance bewirken. Zunächst wird das Publikum eine Schau moderner Kunstwerke sehen, dann Theater. Freudigen Genuss oder blinden Konsum wird ihm Weiser dabei jedoch nicht gönnen. Denn wer genau aufpasst, kommt rasch ins Grübeln, ob die Künstler und Kunstwerke echt sind – oder einfach nur frei erfunden.

In seiner Heimat Israel hat Eyal Weiser mit seinem fiktionalen Ansatz einige Preise gewonnen. Dennoch fühlt er sich in der deutschen Szene wohler. „Das offizielle Theater in Israel ist sehr konservativ“, schimpft er. „In Sachen Schauspiel, visueller Kunst, der Themenauswahl sind sie 30 Jahre hinterher. Selbst die konservativste deutsche Inszenierung würde in Israel als höchst innovativ durchgehen.“ Überhaupt hat der Regisseur ein schwieriges Verhältnis zu seinem Metier. „Im Grunde hasse ich das Theater. Wenn ich ins Kino gehe, dann kann ich auch schlampig angezogen sein. Nicht im Theater. Es ist ein heiliger Ort, ein Platz, an dem man seinen Status zeigen und feiern kann. Das interessiert mich überhaupt nicht.“

Premiere

an diesem Samstag, 19.30 Uhr, im Volkstheater an der Brienner Straße 50;

weitere Aufführungen

am 4., 10. und 21. Mai

sowie am 5. Juni;

Telefon 089/ 523 46 55.

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