SIGOURNEY WEAVER ÜBER IHRE NEBENROLLE IN „SIEBEN MINUTEN NACH MITTERNACHT“ UND NATÜRLICH ÜBER DAS PHÄNOMEN „ALIEN“

„Alle Frauen sind stark“

Sigourney Weaver verwandelt sich „Sieben Minuten nach Mitternacht“ in eine Oma. Foto: Facundo Arrizabalaga/ EPA/ dpa
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Sigourney Weaver verwandelt sich „Sieben Minuten nach Mitternacht“ in eine Oma. Foto: Facundo Arrizabalaga/ EPA/ dpa

Interview Zum Film . Sie ist die Mutter aller Actionheldinnen.

Als mutige Astronautin Ripley in „Alien“ wurde Sigourney Weaver vor fast 40 Jahren zur Kultfigur. Seitdem hat sie zahlreiche Kinoklassiker geprägt, etwa „Gorillas im Nebel“ oder „Avatar“. Ab Donnerstag ist die 67-jährige New Yorkerin in der Bestsellerverfilmung „Sieben Minuten nach Mitternacht“ auf der Leinwand zu sehen. Stattliche Erscheinung, stilvolle Kleidung, vollendete Umgangsformen: Wie eine elegante Lady präsentiert sich die Aktrice in unserem Gespräch beim Filmfestival von San Sebastián, wo sie den Ehrenpreis für ihr Lebenswerk bekommt.

-Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Besuch in San Sebastián?

O ja! Das ist allerdings schon ein paar Tage her. 1979 war das, es war mein erstes Festival überhaupt. Ich kam als junge Theaterschauspielerin mit meinem ersten richtigen Film hierher und hatte meine Eltern im Schlepptau. Wir alle waren wahnsinnig aufgeregt, dass unser dreckiger kleiner Science-Fiction-Streifen zu diesen ehrwürdigen Festspielen eingeladen wurde. Der Film hieß übrigens „Alien“. Damals konnte noch niemand ahnen, wie erfolgreich er sein würde.

-Und nun spielen Sie in „Sieben Minuten nach Mitternacht“ erstmals eine Oma.

Ja, und zwar eine, die anfangs sehr harsch und streng und unangenehm wirkt. Doch allmählich sieht man, was sich unter ihrem Schutzpanzer verbirgt, und sie wandelt sich zu einer sympathischen Figur. Ich liebe es, Charaktere zu verkörpern, die solche Entwicklungen durchlaufen.

-Macht es Ihnen nichts aus, nur eine Nebenrolle zu spielen?

Nein. Früher habe ich davon geträumt, Mitglied eines Theaterensembles zu sein, bei dem sich Haupt- und Nebenrollen, Komödien und Tragödien munter abwechseln – und im Prinzip habe ich in meiner Karriere genau das erreicht. Die Größe einer Rolle hat mich noch nie interessiert. Viel entscheidender finde ich, wer bei einem Projekt Regie führt. Und J.A. Bayona hat schon mit „Das Waisenhaus“ und „The Impossible“ bewiesen, dass er ein ähnlich visionärer Filmemacher ist wie Ridley Scott oder James Cameron.

-Jetzt darf Bayona sogar die neue „Jurassic Park“-Fortsetzung drehen.

Ja, und ich habe ihn um eine Rolle in dem Film angewinselt. Ich würde wahnsinnig gerne am Frühstückstisch sitzen und zusehen, wie ein Dinosaurier vorbeirauscht und Leute jagt. Bayona meinte, er würde darüber nachdenken.

-Viele Ihrer Kolleginnen klagen, dass sie ab einem gewissen Alter keine vernünftigen Rollen mehr bekämen.

Das  kann  ich nicht bestätigen. Im Gegenteil: Heute bekomme  ich mehr Angebote als  früher,  und die Rollen werden sogar mit den Jahren immer interessanter. Vielleicht ist der Übergang zu Altersrollen schwierig, wenn man vorher bloß als süßes Püppchen besetzt wurde. Dieses Schicksal blieb mir zum Glück erspart, weil ich schon immer zu groß und nicht hübsch genug war, um die schmachtende Freundin zu verkörpern. Ich habe stets Frauen gespielt, die ein wenig seltsam waren – und dafür gibt es keine Altersgrenze.

-Es gibt freilich immer noch weitaus mehr Rollen für Männer.

Ja, aber die sind nicht unbedingt aufregender. Glauben Sie mir, ich sitze nicht jammernd herum und beneide Russell Crowe um seine Rollen! Die Stellung der Frau in unserer Gesellschaft hat sich zum Positiven entwickelt; Frauen sind inzwischen überall in wichtigen Positionen zu finden – in der Politik, der Wirtschaft, der Wissenschaft... All das spiegelt sich auch in Filmen wider. Heute bietet man mir viele Rollen an, die man früher nur mit einem Mann besetzt hätte.

-Sie haben meistens starke Frauen verkörpert.

Moment mal! „Starke Frauen“? Das ist für mich ein Pleonasmus. Ich bin fest davon überzeugt, dass alle Frauen stark sind. Nicht wie ein Muskelprotz, sondern von innen heraus. Ich glaube an die Frauen, an ihre Intelligenz, ihre Hartnäckigkeit, ihre Belastbarkeit. Und ich hoffe, Sie sind mir nicht böse, wenn ich Ihnen gestehe, dass ich in meinem Leben eigentlich immer nur für Frauen gespielt habe.

-Sie wollen gar nicht, dass  Männer  Ihre Filme mögen?

Doch, ich freue mich natürlich, wenn Männer meine Arbeit auch zu würdigen wissen. Aber in erster Linie denke ich beim Drehen stets an die unscheinbare  Frau, die irgendwo in den hinteren Kinoreihen sitzt und mal für ein paar Stunden ihre Kinder und ihren Job hinter sich gelassen hat.  Ich hoffe, dass sie mich auf  der  Leinwand authentisch findet. Dass ich vielleicht etwas ausdrücke, was sie selbst schon gefühlt hat. Dass ich ihr etwas geben kann, was ihr im Leben ein bisschen weiterhilft. Darum war auch Ripley in „Alien“ für mich nie eine feministische Ikone. Ich habe sie einfach als ganz normale Frau gespielt, die in einer Extremsituation über sich hinauswächst.

-Hat das „Alien“-Monster Ihnen eigentlich irgendwann Albträume bereitet?

Ja, ein einziges Mal. Es war allerdings ein ziemlich alberner Albtraum. Ich träumte, ich wäre ein Passagier auf einem Kreuzfahrtschiff, auf dem plötzlich dieses unheimliche Wesen auftaucht. Und nun stellen Sie sich vor, was ich dann getan habe, um mein Leben zu retten: Ich habe mich unter einem Liegestuhl versteckt!

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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