Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


DIE PERFORMANCE „THE RE’SEARCH“ INSZENIERTE FELIX ROTHENHÄUSLER FÜR DEN WERKRAUM DER KAMMERSPIELE

Ästhetik im Schlagwortbrei

Premierenkritik . Von Alexander Altmann.

Alle  Achtung, die  haben ja eine Bomben-Kondition! Eine  Stunde  lang treiben Brigitte Hobmeier, Julia Riedler und  Thomas Hauser ununterbrochen eine Art rhythmische Gymnastik auf der Bühne: In der Performance „The Re’Search“ im Werkraum der Kammerspiele („Kammer 3“) sind sie wie wildgewordene Gummibälle ständig am Rotieren, Tänzeln, Hüpfen. Dementsprechend tragen sie hautenge schwarze Sportanzüge mit den einschlägigen Markenlogos, und die Bühne gleicht  mit ihrer verspiegelten Rückwand einer Ballettschule.

Noch bewundernswerter ist nur die Gedächtnisleistung dieser drei Sportskanonen: Es muss unglaublich schwer sein, sich einen Text aus völlig unzusammenhängenden Wortsplittern und Satzfragmenten zu merken, die ohne jedes Ordnungsprinzip daherprasseln, und diese kaum decodierbare Sprachsauce dann auch noch in einer vom Regisseur Felix Rothenhäusler genau ausgefeilten Takt- und Melodiefolge synchron zu einer komplizierten Choreografie wiederzugeben. Allein für diese Herkulesarbeit hätten die Schauspieler eine saftige Leistungszulage verdient. Mindestens. Rekordverdächtig scheint der Abend aber auch, was die Kühnheit des Experiments angeht, das hier abläuft. Denn „The Re’Search“ ist eigentlich ein Kunst-Video von Ryan Trecartin, das seinerseits den poppig-hektischen Stil kommerzieller Videoclips zitiert und die Darsteller mit Micky-Maus-Stimmen sprechen lässt. An den Kammerspielen wird dieser kryptische Film jetzt also zur noch kryptischeren Theater-Performance transformiert.

Natürlich ist das Text-Tanz-Musik-Gemisch, das uns da von der Bühne entgegengellt, ein ironisches Echo des Gestammels, das in Sozialen Netzwerken oder Werbespots als Kommunikationsattrappe kursiert. Aber die Satire geht nahtlos über in eine klassische Dystopie: in die Horrorvision einer Zukunft, in der Mensch und Computer quasi genetisch verschmolzen sind – und folglich alle Individuen über Internet miteinander kurzgeschlossen. Klar, dass diese marktkonform programmierten digitalen Organismen erst „eingestellt werden“ müssen und sich gegenseitig belehren, „Auch du bist eine Prothese“. Dementsprechend ist ihr deutsch-englisches Plapperstakkato aus Fäkalwörtern und Konsumbekenntnissen in Stil wie Inhalt nur eine Fortsetzung der Slogans und Verhaltensmuster aus Videoclips, bei denen man zwischen Werbung und dem Output der Unterhaltungsindustrie ohnehin nicht unterscheiden kann. „Move deinen Body“ stammeln sie das Diktat der Fitness-Moral nach; oder sie quietschen „Ich will ‘ne Community sehen hier“. Und statt Gefühle zu äußern, feuern diese digitalen Cyborgs ständig konfektionierte Affektsignale ab, die aus einer sehr beschränkten Mustersammlung zu stammen scheinen und durch Stichwörter wie auf Knopfdruck ausgelöst werden: „Ich liebe es einfach.“

Weil dieses schwer erträgliche Sperrfeuer aus Satzstummeln und Wortfetzen aber im Theater daherknattert, mit leibhaftigen Schauspielern (zumal mit zwei hochkarätigen Spitzen-Actricen), wächst es automatisch über kulturpessimistische Science-Fiction hinaus. Man kommt gar nicht umhin, im Bewegungs- und Sprech-Rhythmus so etwas wie Strukturen (und damit Halt) zu suchen. Strukturen, die ja auch von der Regie kunstvoll installiert wurden in dem Schlagwortbrei, wodurch ein extremer Kontrast zwischen formstrenger Artistik und amorphem Stoff entsteht. So läuft der Abend letztlich doch auf eine steile Ästhetisierung hinaus – die ihren gewöhnungsbedürftigen Reiz daraus bezieht, dass sie nach altbewährter Manier mit dem düsteren Sog der Dekadenz kokettiert. Heftiger Beifall.

Nächste Aufführungen

heute sowie am 6., 17., 29. und 30. November; Karten unter der Telefonnummer 089/ 23 39 66 00.

Kommentare