Absurde Pirouetten eines Raffgierigen

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Da hat er ihn am Schlafittchen: Harpagon (Nikolaus Paryla, re.) und Anselme (Wolfgang Grindemann). Foto: neumann

premierenkritik . Mit komödiantischer Rasanz inszeniert und spielt Nikolaus Paryla Molières „Geizigen“.

von malve gradinger

„Ich bin tot, ich bin schon gestorben, man hat mir mein Herz herausgerissen. Ich werde die ganz Welt hängen, und wenn ich mein Geld nicht wiederfinde, erhänge ich mich selbst.“ Nach dem Diebstahl seiner Kassette schrumpft dieser Harpagon zum Nichts. Mit komödiantischer Rasanz, hie und da im Nachhall der Commedia dell’arte, hat Nikolaus Paryla praktisch einen Anti-Castorf- „Geizigen“ inszeniert. Und von Paryla in der Titelrolle und seinen charismatischen Darstellern ließ sich das Publikum in der Münchner Komödie im Bayerischen Hof gerne ins 17. Jahrhundert zurück entführen.

Er ist ein echtes Scheusal, dieser Harpagon – und ein Menschentyp, den es immer zu geben scheint. Die Kinder des Geldes wegen an reiche bejahrte Kandidaten zwangszuverheiraten, ist in unserer Gesellschaft Gott sei Dank passé. Aber nicht (siehe das Banker-Zocken, die astronomischen Vorstandsgehälter) die Selbstdefinition durch Geld. Die kann verschiedene Ausformungen haben. Bei Molières unansehnlichem kränklichem Harpagon ist Vermögen auch ein Ersatz für die entschwundene Jugend. Mit Sohn Cléante gibt es einen erbitterten Konkurrenzkampf um die junge Mariane, der hier von Paryla subtil infam gegen Paul Brusas Cléante geführt wird. Bei Paryla geht es jedoch noch einen Schritt weiter: Die Wucherzinsen, die Einsparungen sogar bei den Mahlzeiten, diese ganze Raffgier verselbstständigt sich zur Manie, die ihre eigenen absurden Pirouetten dreht. Hinter der aufgeregt wirbelnd wütenden Fassade erkennt man letztlich einen verlorenen Menschen – der einfach nur komisch ist.

Und da ist Paryla wieder ganz bei Molière. Über das Lachen hat er seinen Franzosen Kritik und moralisches Verhalten „verkauft“. Und natürlich mit dem Sieg der Liebe übers Geld. In dem wohlhabenden Deus-ex-machina Anselme finden die einst schiffbrüchigen Geschwister Mariane und Valère ihren Vater wieder, das Doppel-Happy-End mit Harpagons Sohn Cléante und Élise wird möglich.

Die Damen, besonders Undine Brixner als Kupplerin Frosine, spielen charmant. Eine Entdeckung ist David Paryla, zum ersten Mal mit seinem Vater auf der Bühne, als Valère. Er hat schon Klassiker gespielt – und er kann sie. Mit solch einer Stimme würde man ihn gerne mal in einem großen Haus erleben.

Weitere Vorstellungen

bis 11. April,

Telefon 089/ 29 16 16 33.

Zurück zur Übersicht: Kultur & TV

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare