„Abbey Road“ - Eine 50 Jahre alte LP erobert Platz eins: Warum die Beatles wieder die Charts stürmen

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Beatles-Album "Abbey Road" wird 50 Jahre alt

Abbey Road“ von den Beatles galt schon zu Lebzeiten der Band als Klassiker. Im heutigen Streaming-Zeitalter erweist sich die aufpolierte Version der Platte mit dem Zebrastreifen-Cover als nostalgisches Aufbäumen der Kunstform Rock-Album.

VON JOHANNES LÖHR

München – Marie sieht wahrlich nicht aus wie jene Mädchen, die in den 60ern beim Anblick der Beatles in Ekstase gerieten. Ihre langen Haare trägt die 19-Jährige leuchtend lila und rosa gefärbt, sie ist ein selbstbewusster „Millennial“ im Manga-Look. Es ist Freitag, letztes Wiesn-Wochenende, und Münchenbesucherin Marie steht vor dem Schallplattenregal des Autors dieses Textes, Patenonkel ihres Liebsten. Sie betrachtet die Rücken der Vinylhüllen – und stößt plötzlich einen Freudenschrei aus: „Abbey Road“ von den Beatles! Die Platte wandert auf den Teller, die junge Dame tanzt, der 27-jährige Paul McCartney schmettert: „Oh Darling!“

Neuausgabe von "Abbey Road" zum 50. Jubiläum

Erster Auftritt der Beatles in Deutschland

Mit ihrer Begeisterung ist Marie nicht alleine: Genau an dem Freitag, an dem sie die LP aus dem Regal fischt, stürmt „Abbey Road“ an die Spitze der britischen Charts. Zum zweiten Mal – 50 Jahre nach seinem Erscheinen. Um genau zu sein, sind 49 Jahre und 252 Tage zwischen den Triumphen des Originals und der Neuausgabe zum 50-jährigen Jubiläum vergangen.

Was ist nur dran an diesem Album? McCartney sieht’s gelassen. „Es ist schwer zu glauben, dass Abbey Road nach all den Jahren immer noch Bestand hat“, schreibt der heute 77-jährige ehemalige Beatle auf Twitter. „Aber andererseits ist es ein verdammt cooles Album.“

"Ein verdammt cooles Album"

Der Erfolg erscheint im Zeitalter des Musikstreamings umso erstaunlicher. Denn das Album als Kunstwerk mit einer bestimmten Statik – also einer bestimmten Anzahl von Songs, die in einer bestimmten Abfolge gehört werden sollen – hat bei Menschen unter 35 Jahren eigentlich ausgedient. Für die 19-jährige Marie etwa zählt der einzelne Song, der auf eine Playlist wandert oder eben nicht. Der Verkauf physischer Tonträger – CDs und Vinyl – macht in Deutschland nur mehr 25 Prozent des Geschäfts mit Musik aus, heißt es im Report des Bundesverbands Musikindustrie.

Für die Beatles scheint all das nicht zu gelten. Norbert Schiegl, Chefredakteur der Branchenzeitschrift „Musikwoche“, geht davon aus, dass im Falle von „Abbey Road“ mindestens drei Viertel der Umsätze mit dem Verkauf der wertigen CD- und Vinyl-Ausgaben gemacht werden. „Die klassischen Bands profitieren natürlich von einer älteren, kaufkräftigeren Klientel.“

Die Rückkehr von Vinyl

Genaue Verkaufszahlen sind in Deutschland ein gut gehütetes Geheimnis. In England allerdings wurden in der ersten Woche 9000 Exemplare allein auf Vinyl verkauft. Was früher wie ein Klacks gewirkt hätte, macht heute größeren Eindruck. Denn die Charts-Platzierung errechnet sich nach einem System, das auf dem Verkaufswert basiert. Eine Vinyl-Box für 60 oder die Deluxe-Edition für 90 Euro stehen also recht gut da gegenüber dem Mikro-Centbetrag, der mittels einer komplizierten Faustformel pro Stream berechnet wird – mag er auch millionenfach erfolgen.

Die Musikindustrie hegt und pflegt also ihre treuen Kunden. Darum feiert auch das klassische Rockalbum fröhliche Urständ. Während die Umsätze mit aktuellen CDs seit Jahren beharrlich sinken, machen die Plattenfirmen ein gutes Geschäft mit ihrem Katalogbestand. Popklassiker werden neu herausgegeben, mit Bonusmaterial wie frühen Studioversionen oder Livemitschnitten. „Jubiläums-Boxen kommen regelmäßig in die Top-20 oder sogar Top-10“, sagt Schiegl. In der Abenddämmerung des Rock-Zeitalters leuchten die Fixsterne noch einmal besonders hell.

Ein solcher Fixstern ist „Abbey Road“. Und letztlich ist wohl einfach die Zeitlosigkeit der Songs Grund für den anhaltenden Erfolg. Auch die Geschichte der LP als Schwanengesang der Fab Four ist der Stoff, aus dem Legenden sind.

Beatles: Der Zoff um das Kult-Album

Denn eigentlich lief bei den Beatles nichts mehr. Die vormaligen Freunde lagen im Rechtsstreit über die Frage, wer ihr neuer Manager werden sollte. Paul McCartney war der Einzige, der Zug in das Projekt bringen wollte, hatte aber eine solch rechthaberische Art am Leib, dass ihm vor allem George Harrison am liebsten an die Gurgel gegangen wäre. John Lennon, auf Heroin und darum relativ wurschtig, kümmerte sich weniger um neue Songs als den Weltfrieden und seine neue Frau Yoko Ono, die er „Mother“ nannte. Nach einem Autounfall ließ er ihr ein Bett im Studio aufbauen, inklusive Mikrofon, durch das die Künstlerin im Schlafanzug andauernd Kommentare abgab: „Beatles sollten jetzt dies tun, Beatles müssen jetzt jenes tun.“ Die Nerven lagen blank.

Trotz aller Spannungen – und das zeigen die Studio-Mitschnitte der neuen Ausgabe sehr schön – hatten die Beatles immer wieder die Disziplin, konzentriert zu arbeiten. Insbesondere George Harrison emanzipierte sich mit zwei makellosen Popsongs, „Here comes the Sun“ und „Something“. Paul McCartney hatte zusammen mit Produzent George Martin viel Zeit in eine Suite gesteckt, die nahezu die gesamte Seite 2 der LP dauert und die Lennons Song-Fragmente makellos in sich aufnimmt. Mit der Hilfe der anderen wurde Lennons Chuck-Berry-Plagiat „Come Together“ eine so druckvolle Hommage, dass sie das Album eröffnet. Sein „Because“, mehr oder weniger eine rückwärts gespielte Version von Beethovens Mondscheinsonate, glänzt mit dem schönsten Harmoniegesang, den die Beatles je auf Platte pressten. Popmusik in Perfektion. Und dank verbesserter Produktionsmöglichkeiten klingt das Album auch druckvoller als alle Beatles-Platten zuvor. „Abbey Road“ ist das Album, das sogar Leute mögen, die sonst keine Beatles-Alben mögen.

Das Cover-Foto sollte eigentlich im Himalaya aufgenommen werden

Dass sie etwas Gewaltiges geschaffen hatten, war den vieren doch klar, auch wenn sie bald getrennter Wege gehen sollten. Also sollte die LP „Everest“ heißen. Für ein Fotoshooting im Himalaya waren die Koffer schon gepackt – aber der pragmatische Ringo Starr knurrte: „Scheiß drauf – lass uns einfach auf die Straße gehen und es ,Abbey Road‘ nennen.“ So wurde es gemacht, und siehe: Es war gut.

Von alldem weiß Marie nichts, als sie zu „Abbey Road“ tanzt. Aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch ihre Kinder einmal die Musik der Beatles hören werden. In welcher Form auch immer.

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