Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Milliardengeschäft für die Internet-Giganten

Künstliche Intelligenz: So bestimmen Algorithmen unser Leben

Im Hintergrund die Logos von Apple und Facebook, im Vordergrund Mark Zuckerberg mit erschrockenem Gesichtsausdruck.
+
Facebook-Boss Mark Zuckerberg verdient mit Algorithmen Milliarden.

Ein Facebook-Konto kostet nicht einen Cent – trotzdem fährt der Internetgigant Milliardengewinne durch seine Nutzer ein. Vor allem in der Pandemie boomt das soziale Netzwerk: Allein im zweiten Quartal 2021 hat Facebook 10,4 Milliarden Dollar Gewinn gemacht. Das ist doppelt so viel wie im Jahr zuvor. Dank Algorithmen.

München – Weil die Menschen im Corona-Lockdown besonders viel online gesurft haben, gehört das Unternehmen zu den größten Profiteuren der Krise. Immer mehr Werbetreibende haben versucht, Kunden im Netz zu gewinnen. „Seiten wie Facebook verkaufen zwar kein Produkt, das man in die Hand gedrückt bekommt“, erklärt Fabian Hemmert. „Aber sie verkaufen Aufmerksamkeit.“ Und dafür zahlen Werbetreibende Unsummen, sagt er.

Hemmert ist an der Bergischen Universität Wuppertal Professor für Interfacedesign, optimiert also die Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine. Er erforscht zum Beispiel, welche Emotionen in Menschen ausgelöst werden, wenn sie Handy-Apps nutzen. Oder wie sich Technologie auf die Psyche des Menschen auswirkt. Und wie Facebook, Google und Youtube es schaffen, dass ihre Nutzer das Smartphone kaum noch aus der Hand legen – und damit auch ihre Entscheidungen beeinflussen.

Algorithmen lernen ständig über die Nutzer

Hinter den Strategien all dieser Firmen stecken komplizierte algorithmische Systeme – Künstliche Intelligenzen (KI), die selbstständig lernen. Sie sind im Prinzip das Geheimrezept der Internet-Giganten. Vereinfacht gesagt ist ein Algorithmus nichts anderes als eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, ein Regelwerk. Wie ein Rezept beim Kochen. Auch die Straßenverkehrsordnung gilt als Beispiel für einen Algorithmus. Einer, den man als Autofahrer aber verstehen und hinterfragen kann.

Lesen Sie auch: Facebook entschuldigt sich: Algorithmus verwechselt Schwarze mit Affen

Die Algorithmen, die bei Facebook und Google zum Einsatz kommen, bleiben dem Nutzer von der Rezeptur her verschlossen – endlose Reihen mathematischer Formeln, die ein Programm ergeben, das dabei hilft, Entscheidungen zu treffen – oder das selbst Entscheidungen trifft. Mittlerweile gehören nämlich auch komplexere, selbstlernende Algorithmen zum Alltag: Ganz gleich, welche App oder welche Internetseite man öffnet: Im Hintergrund sortieren und ordnen Algorithmen, welche Inhalte eingeblendet werden. Mehr noch: Nach einer Weile weiß das Rezept sogar, was uns am besten schmeckt.

„Treppenlift“ ist das teuerste Suchwort

„Algorithmen im Netz lernen uns immer besser kennen“, erklärt Hemmert. Beispiel: „Wenn man mit Freunden seine Facebook- oder Instagram-Seite vergleicht, merkt man: Jeder bekommt andere Inhalte angezeigt.“ Der Algorithmus merke sich die Vorlieben seiner Nutzer und füttere sie immer mehr mit ähnlichen Inhalten. „Wenn ich mich nicht für Autos interessiere, kann man mir noch so viele Sportwagen zeigen – man bekommt nicht meine Aufmerksamkeit“, sagt Hemmert. „Dann sollte man mir als Musikliebhaber lieber neue Instrumente zeigen.“

Lesen Sie auch: Drama um getötetes Pärchen auf Gardasee: Neues Gutachten entlastet deutsche Tatverdächtige

Im Alltag mache sich das zum Beispiel durch Google-Suchen bemerkbar: „Jeder, der mal geheiratet hat, weiß: Wer einmal nach Hochzeitszubehör sucht, bekommt noch lange Zeit entsprechende Werbeanzeigen“, sagt Hemmert. Wer in der Musik-App „Spotify“ ein Lied hört, bekommt in Zukunft ähnliche Musikvorschläge angeboten. Auch Youtube und Netflix lernen schnell, welche Art von Filmen oder Videos der Kunde gerne anschaut. „Der Algorithmus merkt sich alles“, sagt Hemmert. „Jeden Klick, jedes Like – sogar, wie viele Sekunden ich mir ein Bild angeschaut habe.“ All das werde gespeichert. „Damit die Seiten, auf denen ich mich rumtreibe, immer mehr auf mich persönlich zugeschnitten werden.“

Der Algorithmus hat genau ein Ziel

Das „teuerste deutsche Google-Stichwort“ sei übrigens der Treppenlift, sagt Hemmert. Werbetreibende würden horrende Summen für personalisierte Werbung bei Menschen zahlen, die danach gegoogelt haben. „Danach sucht man nicht aus Spaß wie zum Beispiel bei einem Porsche“, sagt Hemmert. Wer im Netz danach sucht, hat akuten Bedarf. „Und deshalb bekommt man nach der Online-Suche noch sehr, sehr lange Treppenliftwerbung angezeigt.“

Die Algorithmen sind kompliziert, oftmals verselbstständigen sie sich so, dass nicht mal mehr die Unternehmen sie durchblicken können. Das Prinzip ist aber simpel: Sie zielen darauf ab, dass Nutzer möglichst lang dranbleiben, denn je länger man dran bleibt, desto mehr Werbung kann eingeblendet werden.

Algorithmen legen sogar die Bonität fest

Dieses Prinzip ist umstrttien. Der Bundesverband der Verbraucherzentrale kritisiert etwa, dass algorithmische Systeme intransparent und für Konsumenten kaum nachzuvollziehen sind. „Das zeigt sich in so gut wie allen Bereichen des Alltags“, sagt Miika Blinn, Experte für Digitales und Medien bei der Verbraucherzentrale. „Zum Beispiel beim Kredit-Scoring. Wo jemand wohnt, wie oft man bei Rechnungen säumig geworden ist – das alles können algorithmische Systeme berücksichtigen, wenn es zum Beispiel um einen Kauf auf Rechnung geht.“

Lesen Sie auch: Nervende Verweigerung in der Region: Experten drängen auf Impfpflicht in sensiblen Bereichen

Welche Kriterien in welcher Gewichtung bei Bonitätsauskünften aber im Detail eine Rolle spielen, weiß niemand so genau. „Ähnlich ist es bei Preisvergleichsseiten: Wird ein Angebot wirklich ganz oben angezeigt, weil es das günstigste ist? Oder geht es da eher um die Nachfrage, die persönlichen Vorlieben des Kunden oder doch um Provisionszahlungen an die Vergleichsplattform?“ Das alles ließe sich kaum überprüfen.

Algorithmen sind nicht per se schlecht

Blinn findet das problematisch. „Wenn Spielsüchtige immer wieder Werbung für Sportwetten angezeigt bekommen, kann das Menschen ernsthaft schaden“, sagt er. „Oder wenn algorithmische Systeme gezielt Jugendliche identifizieren, die ein geringes Selbstbewusstsein haben, um ihnen dann nur schöne reiche Vorbilder, Schminktipps und sogar Werbung für Schönheits-Operationen einzublenden.“

Algorithmen seien aber nicht per se schlecht, betont Blinn. „Sie können auch nützlich sein. Etwa beim Mail-Spamfilter: Da entscheiden auch Algorithmen, welche Nachrichten relevant sind und welche nur Werbemüll.“

Personalisierte Inhalte können süchtig machen

Dass aber Algorithmen im Alltag viele Gefahren bergen, denkt auch Professor Fabian Hemmert. „Werbetreibende geben enorme Summen dafür aus, unsere Entscheidungen zu beeinflussen – ob es um den Kauf einer Waschmaschine oder die Wahl einer Partei geht.“ Das sei erschreckend, findet er. Besonders kritisch seien Inhalte, die Nutzer in ihrer Meinung bestätigen sollen. „So landet man schnell in sogenannten Filterblasen“, sagt Hemmert, „also in meiner eigenen Internetwelt, in der mir nichts mehr angezeigt wird, was nicht meinem eigenen Weltbild entspricht.“ Wer etwa einen Maskengegner-Beitrag teilt, wird danach mit ähnlichen Inhalten gefüttert. So verirren sich Nutzer schnell in Querdenker-Gruppen.

Lesen Sie auch: Traunstein Deutschlands Corona-Hotspot Nr. 2 - jetzt neue Gemeinde Spitzenreiter im Landkreis

Forscher hätten mit einem Hirn-Scanner untersucht, was in den Köpfen von Nutzern passiert, wenn sie so lange durch Facebook scrollen, bis sie keine Lust mehr haben, sagt Hemmert. „Im MRT wurden die gleichen Areale im Hirn aktiviert wie bei Spielsüchtigen am einarmigen Banditen. Heißt: Man will dranbleiben, weitermachen – denn vielleicht passiert ja noch etwas richtig Gutes.“ Das gezielte Füttern mit personalisierten Inhalten mache neurologisch gesehen süchtig, sagt Hemmert. „Man sollte sich überlegen: Will man den Dealer dieser Droge wirklich auf dem eigenen Nachttisch übernachten lassen – und morgens als erstes danach greifen?“

Kommentare