Klarer Trend: Pflege zu Hause statt im Heim

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Zum Jahresende 2015 waren in Deutschland 2,86 Millionen Menschen pflegebedürftig – die meisten daheim. epd

Pflegeheime haben oft einen schlechten Ruf. Ein steigender Anteil von Pflegebedürftigen bleibt heute so lange es geht in den eigenen vier Wänden. Doch dafür müssen viele organisatorische Voraussetzungen geschaffen werden.

Die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland steigt weiter

Wiesbaden – Der Trend ist eindeutig: Ein immer größerer Anteil von Pflegebedürftigen in Deutschland wird zu Hause betreut. 73 Prozent aller Empfänger von Leistungen der Pflegeversicherung – 2,08 Millionen Menschen – leben mittlerweile in den eigenen vier Wänden, heißt es im Pflegebericht 2015, den das Statistische Bundesamt gestern in Wiesbaden veröffentlichte. Und das, obwohl doch zugleich immer mehr Menschen als Singles allein leben.

Keine Überraschung ist, dass die Zahl der Pflegebedürftigen insgesamt weiter nach oben zeigt. Fast 2,9 Millionen Bundesbürger waren Ende 2015 auf Pflege angewiesen, so die Statistiker. Das waren 8,9 Prozent mehr als beim letzten Pflegebericht von 2013.

Dabei stieg die Zahl der Menschen, die in einem Heim vollstationär gepflegt werden, jedoch nur um 2,5 Prozent auf 783 000. Um 11,6 Prozent wuchs dagegen die Zahl derjenigen, die zu Hause betreut werden: Dabei nahm die Zahl der Personen, die allein von ihren Angehörigen betreut werden, um 11,1 Prozent auf 1,38 Millionen zu. Sogar um 12,4 Prozent wuchs die Zahl derjenigen, die sich durch einen ambulanten Pflegedienst betreuen lassen (692 000). In wie vielen Haushalten eine Pflegehilfe aus Osteuropa das Leben aufrechterhält, ist statistisch nicht erfasst.

Der Weg weg von der Heimpflege zeigt sich auch im langfristigen Trend: Seit 2001 stieg zwar die Zahl der in Heimen versorgten Pflegebedürftigen deutlich um 32,4 Prozent. Doch die Zahl der durch ambulante Pflegedienste Betreuten wuchs um 59,3 Prozent und die der von Angehörigen Betreuten, die dafür Pflegegeld erhalten, um 38,4 Prozent.

Das spiegelt sich auch in der Organisation der Pflege wider: Die Zahl der ambulanten Pflegedienste wuchs im Vergleich zu 2013 um 600 oder 4,5 Prozent auf 13 300. Auch die Zahl der Heime stieg um 600 oder 4,3 Prozent auf 13 600. Dabei nahm die Zahl der zugelassenen Plätze allerdings nur um 2,9 Prozent zu.

Die Entwicklung zur häuslichen Pflege ist politisch gewollt. In drei Pflegereformen hat die Bundesregierung in den vergangenen Jahren ein umfangreiches Paket geschnürt, damit Pflegebedürftige nach ihrem Wunsch weiter in den eigenen vier Wänden bleiben und pflegende Angehörige mehr Unterstützung erhalten können. Kurzzeit- und Verhinderungspflege können Pflegende entlasten. Angehörige werden in der Renten- und Arbeitslosenversicherung besser abgesichert. Die Prävention soll gestärkt werden.

„Die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf gehört heute zu den großen Herausforderungen vieler Familien“, wird beispielsweise Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) nicht müde zu betonen. Mit der Familienpflegezeit, der Pflegezeit und dem Pflegeunterstützungsgeld hat die Bundesregierung Instrumente geschaffen, die Pflege zu Hause zu erleichtern – sie treffen allerdings bislang auf nur geringe Resonanz.

Wissenschaftler und die Deutsche Stiftung Patientenschutz warnen zugleich, dass die häusliche Pflege auf Dauer schwieriger wird: Immer mehr Frauen sind berufstätig, die Zahl der Singles steigt, und die Familienstrukturen ändern sich. Die Bundesregierung setzt deshalb auch darauf, Angebote im Wohnumfeld zu verbessern: Die Kommunen haben mittlerweile mehr Möglichkeiten bei der Beratung von Pflegebedürftigen und der Organisation von Hilfe erhalten. Nachbarschaften und ehrenamtliches Engagement sollen gestärkt werden.

Hoffnungen setzen viele auch auf technische Verbesserungen, die ein längeres Leben zu Hause ermöglichen: Angeboten werden nicht nur Hausnotrufsysteme, sondern auch eine bessere medizinische Überwachung durch digitale Geräte. Senioren sollen durch soziale Medien und Internet stärker in die örtliche Gemeinschaft eingebunden werden. Manche Kommunen entwickeln heute schon Apps, mit deren Hilfe Senioren mobil bleiben, private Mitfahrgelegenheiten organisieren sowie Informationen über Bus- und Bahnlinien und andere Transportdienstleister erhalten. An der Universität Siegen gibt es ein Forschungsprojekt „Cognitive Village – Vernetztes Dorf“. Entwickelt wird beispielsweise ein mit Sensoren ausgestatteter „intelligenter“ Teppich, der Stürze meldet.  kna

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