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Schwer zu ertragende Bilder

Massaker in Butscha: Der Kampf um die Wahrheit 

Vor dem Abzug der Russen: Die Aufnahme der US-Firma Maxar Technologies vom 19. März zeigt sieben Figuren auf dieser Straße in Butscha, die am 28. Februar noch nicht da waren.
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Vor dem Abzug der Russen: Die Aufnahme der US-Firma Maxar Technologies vom 19. März zeigt sieben Figuren auf dieser Straße in Butscha, die am 28. Februar noch nicht da waren.
  • Wolfgang Hauskrecht
    VonWolfgang Hauskrecht
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Nach den schrecklichen Bildern toter Zivilisten aus Butscha hat das Ringen um die Wahrheit begonnen. Während die Ukraine von Kriegsverbrechen spricht, bezichtigt Russland Kiew, das Massaker inszeniert zu haben. Aktuelle US-Satellitenbilder widerlegen diese Behauptung. Auch an anderen Orten sollen russische Soldaten Zivilisten gezielt getötet haben.

Kiew/München – Die Bilder sind nur schwer zu ertragen, aber sie lassen sich nicht ausblenden. Straßen gesäumt mit toten Zivilisten, aus kurzer Distanz erschossen, teilweise gefesselt. Noch immer werden in dem Kiewer Vorort Butscha Leichen gefunden. Weit über 300 sollen es schon sein. Butschas Bürgermeister Anatoli Fedoruk sprach von einer „Safari auf Zivilisten“. „Meine Leute wurden aus Spaß oder aus Wut erschossen“, sagte er der italienischen Zeitung „Corriere della Sera“. „Die Russen haben auf alles geschossen, was sich bewegt hat: Passanten, Leute auf Fahrrädern, Autos mit der Aufschrift ,Kinder‘.“

Auch in den nordöstlichen Vororten Bohdaniwka und Schewtschenkowe sollen Zivilisten willkürlich hingerichtet worden sein. Eine 46-jährige Frau berichtete dem Nachrichtenportal rbb24, Soldaten hätten in ihrer Datsche in Bohdaniwka ihren Mann erschossen, weil er keine Zigaretten für sie hatte. In Schewtschenkowe soll ein Mann erschossen worden sein, weil eine Camouflage-Jacke in seinem Auto lag. In Motyschin sind nach ukrainischen Angaben fünf Leichen mit gefesselten Händen aufgefunden worden. rbb24 liegen außerdem Aussagen über Hinrichtungen in Irpin westlich von Kiew vor.

Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft spricht von mehr als 7000 Meldungen über russische Kriegsverbrechen in der Region um Kiew. Die meisten Opfer habe es in Borodjanka gegeben. „Die Welt hat jetzt gesehen, was Russland in Butscha getan hat, aber die Welt hat noch nicht gesehen, was sie in anderen besetzten Städten und Regionen unseres Landes getan haben“, sagte der per Video zugeschaltete ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gestern vor dem UN-Sicherheitsrat.

Alle diese Aussagen müssen noch von unabhängiger Seite überprüft werden. Der Fokus richtet sich momentan auf Butscha. Moskau streitet die Erschießung von Zivilisten ab, spricht von ukrainischen Inszenierungen. In mehreren Städten der Ukraine würden fingierte Videos von getöteten Zivilisten angefertigt, erklärte das russische Verteidigungsministerium am Dienstag. Bezüglich des Massakers in Butscha behauptet Moskau, die Leichen seien erst nach dem Abzug der russischen Truppen am 30. März platziert worden. 

Satellitenbilder stützen Massaker-Vorwurf

Videos und Satellitenbilder widerlegen diese Behauptung allerdings. Die „New York Times“ veröffentlichte Satellitenaufnahmen der US-Firma Maxar Technologies. Auf einem der Bilder sind sieben Figuren zu sehen, die auf der Straße liegen. Die Aufnahme ist mit 19. März datiert. Die „New York Times“ verglich die Satellitenbilder mit diversen Aufnahmen von ukrainischen Beamten und internationalen Medien und bestätigte, dass einige der Leichen sich schon knapp zwei Wochen vor dem russischen Abzug in der gezeigten Position befunden hatten. Die Analyse habe ergeben, dass die Körper später nicht bewegt worden seien. Auf Videos war zu sehen, dass drei der Menschen neben Fahrrädern lagen. Bei einigen waren die Hände zusammengebunden.

Der Göttinger Völkerrechtler Kai Ambos, der auch Richter am Kosovo-Tribunal in Den Haag ist, sieht solche Taten klar als Kriegsverbrechen an: „In Fällen, wo Zivilisten Opfer von Gewalt sind, sei es direkte Tötung, grausame Behandlung oder sexuelle Gewalt, haben wir ganz klar eine Verletzung des ehernen Grundsatzes des Schutzes der Zivilbevölkerung.“ Das UNHochkommissariat für Menschenrechte sieht zunehmend Hinweise darauf, dass in Butscha Zivilisten „gezielt“ getötet wurden. Das humanitäre Völkerrecht verbiete aber bei bewaffneten Auseinandersetzungen absichtliche Angriffe auf Zivilisten, das komme einem Kriegsverbrechen gleich. Die Vereinten Nationen wollen eigene Experten nach Butscha schicken. Auch die Ukraine fordert eine unabhängige Überprüfung. Selenskyj sagte in einer Videobotschaft, die Ukraine arbeite dafür unter anderem mit der EU und dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zusammen.

Auch Machthaber im Visier von Den Haag

Die Chance, Kriegsverbrechen aufzudecken, ist heute durch Satellitenbilder und Daten aus sozialen Medien größer geworden. Behauptungen können leichter bestätigt oder entlarvt werden. In Butscha müssten alle Leichen exhumiert, identifiziert und untersucht werden, fordert die UN-Menschenrechtschefin Michelle Bachelet.

Auch Vorgesetzte und Machthaber ohne unmittelbare Beteiligung können sich der Kriegsverbrechen schuldig machen. Oft ist es aber ein Problem, der Beschuldigten trotz guter Beweise habhaft zu werden. Denn dazu müssten sie ausgeliefert werden. Nach einem Regierungswechsel kann sich die Situation aber ändern. So lieferte Serbien nach vielen Jahren die Hauptverantwortlichen für das Massaker von Srebrenica im Juli 1995 an das Haager Tribunal aus. Unter anderem wurde Ex-Serbenführer Radovan Karadzic 2019 zu lebenslanger Haft verurteilt

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