James‘ Witwe und ihr Tiger

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Der lallende Butler James und der Tigerkopf beim 90. von Miss Sophie: Den legendären Sketch „Dinner for One“sieht regelmäßig gut jeder dritte Deutsche zum Jahreswechsel. Wer war der Mann, der den Butler James so genial komisch spielt? Ein Besuch bei seiner Witwe.

„DINNER FOR ONE“: Ein Besuch

Der lallende Butler James und der Tigerkopf beim 90. von Miss Sophie: Den legendären Sketch „Dinner for One“sieht regelmäßig gut jeder dritte Deutsche zum Jahreswechsel. Wer war der Mann, der den Butler James so genial komisch spielt? Ein Besuch bei seiner Witwe.

Von Florian Kinast

München/Bushey – Der Tigerkopf hat sich gut gehalten. Der Blick ernst und grimmig, die Augen funkelnd. Nur der Rücken ist mitgenommen, der Hinterkopf ramponiert. Die Stelle, gegen die Freddie Frinton trat, wenn er als Butler James darüberstolperte. Dutzendmal, hundertmal, tausendmal. So oft, dass es auf keine Kuhhaut ging, geschweige denn auf ein Tigerfell.

„Dinner for one oder der 90. Geburtstag“, ein Stück Fernsehgeschichte, längst Silvester-Kult. May Warden und Freddie Frinton, die Schauspieler, sie sind lange tot, aber das Tigerfell hat überlebt. Das Fell hat seine Ruhe, im Wohnzimmer von Nora Harding auf dem Teppich. Der Tiger, sagt Mrs. Harding, ist schon längst „part of the family“. Ein Teil der Familie, ein Stück Erinnerung an ihren Mann.

Nora Harding ist Freddie Frintons Witwe. Bushey im Nordwesten Londons. Der bayerische Maler Hubert Herkomer lebte hier, als er nach England auswanderte, die Partnerstadt ist Landsberg am Lech. Bushey, ein kleiner, verschlafener Vorort, das Leben ist langsam, schnell sind hier nur die Hochgeschwindigkeitszüge, die von London nach Birmingham durchrauschen. Gegenüber vom Bahnhof gibt es ein Pub. Nebel, kein Himmel, nirgends. Neben dem Pub ist ein Taxistand.

Der Taxifahrer von Bushey hat von Freddie Frinton noch nie gehört, immerhin kennt er die Straße, in der Mrs. Harding wohnt. Nora Harding lebt in einem grauen Mehrfamilienhaus, ein Zwei-Zimmer-Appartement, sie empfängt an der Tür. Eine feine alte Dame, sie sagt: „How wonderful to see you“. Innen ist es recht eng, die vier Kinder sind da, die Kinder von ihr und Freddie, dazu zwei Enkelinnen. Und natürlich der Tiger, im Wohnzimmer auf dem Boden.

Im Fernseher läuft eine DVD, ohne Ton. Alte Super-8-Aufnahmen von Freddie Frinton. Man sieht ihn am Sandstrand im Urlaub herumrobben, als sei er in der Wüste am Verdursten, man sieht ihn mit einer Heckenschere einem Hund hinterherrennen. Er schien den Klamauk zu lieben. Auch im Privaten.

In England ist „Dinner for one“ unbekannt

Nora Harding, Jahrgang 1927, war im Krieg Sekretärin der britischen Armee in London, und dort, erzählt sie, lernte sie diesen Mr. Frinton kennen, ein Komiker, der die Soldaten auf Heimaturlaub bei Laune hielt. „Er sprach mich oft an und machte einen Witz“, erzählt Mrs. Harding, und diese Witze kamen so gut an, dass sie nach dem Krieg heirateten. Sie war 18, er schon 36, im Sommer 1945. Bald kamen die Kinder, zwei Töchter, zwei Söhne, Susan, Marilyn, Stephen, Michael, geboren zwischen 1946 und 1954.

„In dieser Zeit war Freddie schon wieder viel unterwegs“, sagt Nora Harding. Auf den Theaterbühnen der Küstenorte bis hinauf nach Schottland. Er zeigte viele Sketche, darunter auch „Dinner for one“, einen schon älteren Sketch aus den Zwanziger-Jahren. 1953 kam Frinton einmal nach Hause, voller Stolz über das Tigerfell, das er in einem kleinen Kolonialwarenladen gekauft hatte. Der Tiger wurde sein ständiger Begleiter, und manchmal, sagt Mrs. Harding, wenn das kleine Auto voll war, dann habe er auf der Fahrt zum nächsten Auftritt das Fell aufs Dach gebunden.

„Er fuhr oft weg“, sagt Nora Harding, „aber er kam auch oft wieder heim.“ Vor allem an den Wochenenden, Samstagabend, wenn die Vorstellung weit weg von London vorbei war, fuhr er die Nacht durch zurück nach Hause. Es war immer sein Herzenswunsch, Sonntagfrüh da zu sein, die Kinder aufzuwecken und ihnen zum Frühstück Pfannkuchen zu machen. „Mit viel Sirup“, sagt Stephen, mit 60 Jahren der Zweitjüngste. „Mit sehr viel Sirup.“ Jeden Sonntag, jede Woche. The same procedure as every week.

Mit seinen Kindern spielte er gerne am Küchentisch „Dinner for one“ nach. Nur das mit dem Alkohol war im richtigen Leben ganz anders. Im Sketch der angezwitscherte Butler James, war Freddie Frinton strikter Abstinenzler. Einer, der sich, wenn sich die Kollegen nach den Auftritten zur lustigen Zechtour im Pub versammelten, ins Hotelzimmer verkrümelte, einer, der immer seinen eigenen Klapptisch und sein eigenes Essen mitnahm. Vorsichtig, sensibel, eigen. Sie sagt: „He was not socialised.“ Er war nicht gern unter Leuten.

1962 schließlich kam Peter Frankenfeld nach Blackpool, der Moderator suchte eine Nummer für seine Samstagabend-Show in der ARD. Er war begeistert von Frinton, holte ihn, May Warden und das Tigerfell im März 1963 nach Hamburg. Die TV-Zuschauer sahen den Sketch zunächst nur einmal, ab 1972 wurde es fester Bestandteil eines deutschen Silvestertags.

Frinton bekam das nicht mehr mit. Er starb schon 1968. Ihr Mann, sagt sie, plante eine neue TV-Show, als er am 16. Oktober nach Hause kam und plötzlich tot umfiel. Einfach so.

Nora heiratete 1977 ein zweites Mal, John Harding, 2004 starb auch der zweite Mann. Bis dahin hatte Frinton die Bildschirme auf der ganzen Welt erobert, insgesamt läuft „Dinner for one“ regelmäßig in 20 Ländern. In Finnland heißt der Sketch „Illallinnen yhdelle“, was lautmalerisch klingt wie eine Textzeile von James nach dem vierten Glas Portwein. Cheerioh, Miss Sophie.

Nur in der Heimat zeigten sie ihn nie, in England kennt das Stück kaum einer. Vielleicht zeigt ihn die BBC ja 2017, am 9. Februar. Zu Nora Hardings 90. Geburtstag. Später, zum Ende des Besuchs, sagt sie beim Abschied an der Tür: „Wir brauchen Freddie nicht im Fernsehen. In unseren Gedanken lebt er für immer weiter.“

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