Wie man Gefühle besser erkennt

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Augen zu und zuhören: Wenn Personen den Gesprächspartner nicht sehen, sondern nur hören, können sie dessen Emotionen besser einschätzen, ergab eine neue Studie aus den USA. foto: Panthermedia

Die Stimme eines Menschen kann sehr verräterisch sein. Sie lässt nicht nur die Launen des Gegenüber erkennen, sondern auch dessen Charakterzüge. Und sie gibt Hinweise auf Krankheiten.

Neue Studie

von Susanne Zahn

Die Gefühlslage eines Mitmenschen lässt sich womöglich am besten durch bloßes Zuhören – ohne Beobachten der Mimik – einschätzen, erklärt Michael Kraus von der Yale University in New Haven im Fachmagazin „American Psychologist“. Er hatte für seine Studie 1800 Menschen in Gesprächssituationen gebracht, beispielsweise in einem dunklen oder beleuchteten Raum. Das Ergebnis: Wenn die Probanden den Gesprächspartner nicht sahen, sondern nur hörten, konnten sie dessen Emotionen am genauesten einschätzen. „Möglicherweise ist es nicht die beste Strategie, aus der Mimik oder der Kombination von Stimme und Mimik die Stimmung oder die Absichten des Gegenübers richtig einzuschätzen“, sagt Kraus.

Beim Flirten, beim Streit mit Kollegen oder dem Partner: Es ist wichtig für uns, die Gefühle unserer Mitmenschen richtig zu beurteilen. Jeder von uns sendet durch Mimik, Gestik und Stimme Signale aus, die etwas über sein Innenleben verraten. Diese richtig zu deuten, ist eine Herausforderung für unser Gehirn. Genaues Zuhören ist laut Kraus das Erfolgsrezept, um jemanden zu verstehen.

„Bei Trauer spricht man mit tiefer Tonlage und monoton, bei Ärger und Freude ist die Stimme höher und die Sprachmelodie ist abwechslungsreicher. Ein Anzeichen für Angst ist eine hohe, monotone Stimme, die gegen Ende des Satzes noch mal ansteigt“, erläutert Walter Sendlmeier von der Technischen Universität Berlin, der nicht an der Studie beteiligt war. Gegenüber der Mimik sei die Stimme aussagekräftiger, betont der Kommunikationswissenschaftler.

Emotionen in der Stimme seien schwer zu verschleiern, schreibt Kraus. Es erfordere Selbstkontrolle, denn selbst kleinste Nuancen würden vom Gegenüber wahrgenommen. Mimik und Gestik könnten stärker gesteuert werden – auch, um zu täuschen. Beim Zuhören arbeite das Gehirn genauer, wenn es sich auf eine Aufgabe konzentrieren könne, schreibt Kraus. Multitasking, also das Wechseln zwischen Aufgaben, führe aber zu insgesamt schlechteren Ergebnissen.

Das gelte auch in der Emotionswahrnehmung: Vielen Menschen falle es möglicherweise auch deshalb schwer, die Gefühle ihrer Mitmenschen einzuschätzen, weil sie ihre Aufmerksamkeit zwischen den Kommunikationsformen aufteilten. Bei Kraus’ Experimenten beurteilten die Teilnehmer die Emotionen von Fremden. Hätten sie mit jemanden gesprochen, den sie gut kennen, wären die Ergebnisse möglicherweise eindeutiger ausgefallen: Laut Sendlmeier schwingen in der Stimme neben den Emotionen auch Persönlichkeitsmerkmale mit. „Nahestehende Personen können zusätzlich zwischen der Persönlichkeit und der Gefühlslage unterscheiden. Wenn Sie beispielsweise mit Ihrer Mutter telefonieren, hört die anhand weniger Silben in der Begrüßung, wie es Ihnen geht.“

Emotionswahrnehmung über die Stimme funktioniert nicht nur bei Menschen: „Die Signale, die wir über die Stimme aussenden, sind so zuverlässig, dass auch Computer sie lernen können“, erklärt Björn Schuller, Professor für maschinelles Lernen im Gesundheitswesen an der Uni Augsburg. „Wir haben Methoden zur Früherkennung von Krankheiten und Entwicklungsabweichungen entwickelt.“ Zum Beispiel könnten sie im Alter von zehn Monaten eine Prognose für mögliche Entwicklungsstörungen wie Autismus geben. Selbst Tonspuren aus alten Filmaufnahmen reichten aus, um eine Stimme zu analysieren. So könne man auf den Herzschlag der Schauspielerin Marilyn Monroe schließen, bevor sie einen Filmpartner küsst.

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