Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Das Fußballstadion von morgen

Am Sonntag geht die Fußball-WM in Russland zu Ende. Gespielt wurde in zwölf Stadien, deren Bau Milliarden verschlungen hat. Dennoch haben die Arenen noch nicht gezeigt, wie das Fußballstadion der Zukunft aussieht.

Multimedia

Von Jörg Heinrich

Die Arenen von morgen werden von Technik und Multimedia dominiert sein. Sie stehen in England, in den USA oder in Katar, dem Ausrichter der WM 2022. Wir verraten, was die Stadionbauer planen – und wie die Bratwurst künftig per Drohne zum Fan kommt.

Noch mehr Spektakel

Die größte Konkurrenz für die Betreiber der neuen Superstadien sind die 4K- und zukünftig 8K-Fernseher, die weltweit in den Wohnzimmern der Fans stehen. Die Bilder werden täuschend echt sein. Damit stellt sich die Frage, ob sich ein Stadionbesuch überhaupt noch lohnt. Dass er sich weiterhin lohnt, glaubt Christopher Lee vom US-Architekturbüro Populous, das das revolutionäre neue Stadion des Londoner Premier-League-Klubs Tottenham Hotspur entworfen hat.

„Es wird das technisch fortschrittlichste Stadion der Welt“, verspricht Lee im Guardian, „denn es muss die Leute dazu bringen, vom Sofa aufzustehen“. Das Spektakel im teuersten Stadion Europas, dessen Baukosten auf eine Milliarde Pfund (1,14 Milliarden Euro) gestiegen sind, soll gewaltig werden. Tottenham kündigt nach der Eröffnung im Herbst 2018 die beeindruckendste Atmosphäre im europäischen Fußball an. Fans, die 19 000 Pfund (21 600 Euro) für zwei Saison-Dauerkarten im exklusiven „Tunnel Club“ bezahlen, können die Fußballer beobachten, wie sie sich in einem gläsernen Tunnel auf das Spiel vorbereiten. Der Klang der größten Tribüne für 17 000 Fans – insgesamt passen 61 000 in das Stadion – wurde von Akustik-Experten geplant, wie in einem Opernhaus.

Noch mehr Technik

Der FC Bayern hat in der Allianz Arena vor einem Jahr die beiden größten Videowände Europas installieren lassen, mit jeweils 200 Quadratmetern Fläche. Doch mit den technischen Möglichkeiten in einem völlig neu erbauten Stadion kann diese Nachrüstung nicht mithalten. Im brandneuen und 1,6 Milliarden Dollar (1,37 Milliarden Euro) teuren Mercedes-Benz Stadium in Atlanta, in dem die Atlanta Falcons Football spielen und Atlanta United Fußball, ging die erste 360-Grad-Videowand der Welt in Betrieb, die sich um die komplette Spielfläche zieht. Auf dem 335 Meter langen hochauflösenden Band lassen sich Wiederholungen oder Werbung von jedem der 74 000 Plätze perfekt sehen. Dazu kommt ein zweiter Videoring mit 3D-Technik. „Wir wollten ein Erlebnis schaffen, das es zuhause nicht gibt“, erklärt Bill Johnson vom Architekturbüro HOK.

Virtuelle Welt

Johnsons Kollege John Rhodes ergänzt: „Früher ging es in Stadien um die schiere Größe. Heute will jeder die echte und die virtuelle Welt kombinieren, um die Fans näher an die Spieler heranzubringen.“ Die Pläne klingen nach Science-Fiction, sind aber schon in wenigen Jahren realistisch. Mikrofone unter dem Rasen sollen jedes Geräusch, jeden Schritt und jede Grätsche, vom Spielfeld auf die Headsets der Fans übertragen. Bei Toren vibrieren die Sitze. Federleichte VR-Brillen blenden Details zu jedem Spieler ein, bis hin zum aktuellen Puls und zur Laufgeschwindigkeit. Die Daten stammen von smarten Trikots, die die Sportler tragen, und vom vernetzten Ball, der übers Spielfeld rollt. Ebenfalls auf den Brillen zu sehen: Das Spiel aus jeder nur denkbaren Kameraperspektive.

Bratwurst-Drohnen

Drohnen sollen im Stadion von morgen das Bier und die Bratwurst direkt zu den Plätzen der Fans fliegen. Per Smartphone können die Fans ihre Bestellung aufgeben. Das Handy spielt ohnehin eine zentrale Rolle in den neuen Stadien: Im Levi’s Stadium in Santa Clara/Kalifornien sind schon jetzt alle zehn Meter Ortungssensoren (Beacons) eingebaut, die den genauen Aufenthaltsort eines jeden Fans ermitteln. Sie weisen den exakten Weg zum Platz – und schlagen Alarm, wenn ein Zuschauer loslaufen muss, um nach einer Pause noch rechtzeitig seinen Sitz zu erreichen.

Fußball ohne Fußball

Im komplett vernetzten – und damit auch komplett überwachten – Multimedia-Stadion der Zukunft muss gar nicht mehr „live“ Fußball gespielt werden. Holografische Animationen bringen die Spieler von jedem Platz der Welt täuschend echt an jeden anderen Ort. Dass 75 000 Fans in Fröttmaning zusammenkommen, um ein Spiel des FC Bayern in Peking zu sehen – in 20 Jahren kann es so weit sein. Im neuen Tottenham-Stadion in London sind zumindest schon mal die Voraussetzungen geschaffen, dass den Smartphones nicht der Strom ausgeht: Die Sitze sind beheizt und bieten USB-Anschlüsse.

Kühnere Architektur

Die Allianz Arena mit ihrer LED-Fassade, die die Farben wechselt, war der Vorreiter für die hochmoderne Stadion-Architektur der Zukunft. Und es lässt sich viel gegen die WM 2022 in Katar sagen – doch das Scheichtum wird die Fußballfans in den spektakulärsten Stadien aller Zeiten empfangen. Das Al Bayt Stadium sieht aus wie ein riesiges Wüstenzelt und das Al Rayyan Stadium wie eine gewaltige Sanddüne mit Multimedia-Fassade. Das Al Wakrah Stadium soll an die Boote von Perlenfischern erinnern. Das Al Thumama Stadium ist von der Kufi inspiriert, der traditionellen Kopfbedeckung arabischer Männer. Und das Doha Port Stadium ist die erste Fußballarena der Welt, die komplett von Wasser umgeben ist.

Traumhafte Aussichten für Sportfans? Mag sein. Doch Star-Architekt Jacques Herzog, der mit seinem Büro Herzog & de Meuron die Allianz Arena entworfen hat, bleibt skeptisch: „Das ist mir alles zu künstlich. Das kommt mir vor, wie wenn ich mit meinem Sohn auf der PlayStation Fifa spiele.“ Herzogs Mindestanforderung für die Arenen von morgen: „Ein Stadion muss nach Rasen riechen.“ Und er denkt dabei nicht an die Beduftungsanlagen, die künftig den Geruch von Gras im gesamten Stadion verteilen.