MEDIZINKOLUMNE

Friseure als Gesundheitsmanager?

Priv. Doz. Dr. med. habil. Barbara Richartz, Niedergelassene Kardiologin in München- Bogenhausen, erklärt, welche überraschenden Methoden es gibt, die Bevölkerung für das Thema „Bluthochdruck“ zu sensibilisieren.

Bluthochdruck ist die Volkskrankheit Nummer eins! Schätzungsweise sind 20 Millionen Bundesbürger betroffen. Mehr als die Hälfte weiß nicht einmal, dass sie die Krankheit hat – und der Bluthochdruck bleibt daher unbehandelt. Deshalb steigt das Risiko bei diesen Menschen nicht nur für einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall dramatisch an, es steigt leider auch das Risiko für eine (vaskuläre) Demenz.

Ganz ähnlich sieht es in den USA aus, besonders bei Männern mit schwarzer Hautfarbe. Auch hier wissen die meisten nichts von ihrer Gefährdung, da sie selten zum Arzt gehen – und ein zu hoher Blutdruck in der Regel keine Beschwerden verursacht. Der Besuch im Friseursalon, also im „Barbershop“, gehört hingegen zur wöchentlichen Routine: Er ist Gelegenheit, Freunde zu treffen und über Gott und die Welt zu philosophieren.

Kalifornische Wissenschaftler haben daher überlegt, den sozialen Treffpunkt „Barbershop“ zu nutzen, um die Blutdruckkontrolle in dieser Hochrisikogruppe zu verbessern: Die Friseure wurden motiviert, mit den Männern über das Problem Bluthochdruck zu sprechen und ein Treffen mit einem Apotheker zu vereinbaren, der dann einmal im Monat in den „Barbershop“ kommt, den Blutdruck misst und – wenn nötig – Medikamente austeilt. Frei nach dem Motto: Waschen, legen, Blutdruck senken!

So abwegig ist das Modell gar nicht, wenn man bedenkt, dass Barbiere seit dem Mittelalter für gesundheitliche Themen, wie Körperhygiene, Zahnextraktionen und sogar Aderlässe zuständig waren. Auch die beliebten Opern wie „Der Barbier von Sevilla“ und „Figaros Hochzeit“ zeigen, dass der Beruf des Figaros, des Barbiers oder des Coiffeurs nach wie vor in der Mitte der Gesellschaft steht. Wie erfolgreich diese Strategie war, wurde jüngst auf dem Europäischen Kardiologenkongress in München gezeigt: Die Wissenschaftler hatten mehr als 300 afroamerikanische Männer kontaktiert, bei denen der Blutdruck zu Beginn der Studie im Durchschnitt bei 152,8 mmHg lag. Schon sechs Monate später war der Blutdruck im Durchschnitt auf 128 mmHg gesenkt worden, was völlig normal ist. Somit wurde in dieser Bevölkerungsgruppe das langfristige Risiko für Herzinfarkte oder Schlaganfälle deutlich vermindert.

Kann nun das „amerikanische Modell“ auf Deutschland übertragen werden? Die Idee, die dahintersteckt, ist, Betroffene in ihrer gewohnten und entspannten Umgebung anzusprechen, um einen einfachen Zugang zur Blutdruckkontrolle zu ermöglichen. Nun ist der Barbershop bei uns längst kein sozialer Treffpunkt mehr. Dennoch könnte es die „Eisdiele“ oder der „Italiener“ um die Ecke sein. Und wer das „Outsourcing“ medizinischer Leistungen für eine rein amerikanische Erfindung hält, der sollte mal einen Blick nach Bremen werfen – wo das Projekt „Post Persönlich“ bereits gestartet ist. Die Post will Bremer Senioren nämlich helfen, länger in ihren eigenen vier Wänden zu leben.

Dafür sollen Briefträger Rentnern künftig nicht nur Briefe zustellen, sie sollen auch regelmäßig bei ihnen klingeln und fragen, ob es ihnen gut gehe. Zudem sollen sie über Hilfsdienste der Wohlfahrtsverbände informieren – und vielleicht auch mal den Blutdruck messen. Wie auch immer: Es wäre ein guter und richtiger Schritt, die Aufmerksamkeit der Bevölkerung für dieses medizinisch so wichtige Thema „Bluthochdruck“ weiter zu erhöhen!

HERZENSSACHE

von Dr. Barbara Richartz

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