Freibier für Vorsorgemuffel

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Jährlich trifft es etwa 70 000 Menschen in Deutschland: Darmkrebs. Vorsorge könnte die meisten Fälle verhindern.

Dafür wirbt die Felix- Burda-Stiftung jeden März und kürt zudem Mitstreiter für ihr Engagement. Nominiert ist diesmal unter anderem Dr. Michael Reng – für seine süffige Idee.

Darmkrebsmonat März

Jährlich trifft es etwa 70 000 Menschen in Deutschland: Darmkrebs. Vorsorge könnte die meisten Fälle verhindern. Dafür wirbt die Felix- Burda-Stiftung jeden März und kürt zudem Mitstreiter für ihr Engagement. Nominiert ist diesmal unter anderem Dr. Michael Reng – für seine süffige Idee.

Von Sonja Gibis

Ein Gespräch in einem Wirtshaus, irgendwo im Kreis Kelheim. Sagt der eine: „Du, i hob ma da neilich in Arsch ’neischaugn lassn.“ Darauf der andere: „Pfui deifi! Kimm ma doch ned mit sowas!“ Wieder der Erste: „Du, da kriegst fei a Bier!“ Der andere, jetzt interessiert: „Wos? Verzähl!“

Schuld an diesem und ähnlichen Tischgesprächen ist Dr. Michael Reng. „Keiner geht zur Darmkrebsvorsorge, nur weil es Freibier gibt“, sagt der Darmspezialist. Als er die beiden Stammtischbrüder belauschte, war ihm aber endgültig klar: „Das Bier danach“ schafft, was viele andere Aktionen zur Darmkrebs-Vorsorge nur versuchen. Es erreicht auch die größten Vorsorgemuffel – die Männer.

Die Idee ist dabei so einfach wie süffig: Jeder, der sich vorsorglich den Darm spiegeln lässt, erhält als Zuckerl ein Bier – natürlich alkoholfrei. Der Gedanke kam Reng, Chefarzt an der Kelheimer Goldberg-Klinik, vor gut drei Jahren. Zahllose Kästen Bier wurden seither in ganz Bayern für die Vorsorge geleert. Jetzt wartet vielleicht auch ein Zuckerl auf den umtriebigen Arzt: „Das Bier danach“ ist in der Kategorie „Engagement des Jahres“ für den Burda-Award nominiert, zusammen mit zwei weiteren Aktionen. Mit dem Preis kürt die Stiftung Projekte zur Darmkrebsvorsorge.

Als Gastroenterologe erlebt Reng fast täglich, wie wichtig diese ist. „Jede Woche sehe ich Krebs, den man hätte verhindern können“, sagt er. Etwa 27 000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland an bösartigen Darmtumoren – mehr als im Straßenverkehr. „Jeder hat heute Airbags im Auto“, sagt Reng. Doch zur Vorsorge gehen noch immer zu wenige.

Dabei kann diese nicht nur Todesfälle verhindern. Oft schafft sie es sogar, dass Krebs erst gar nicht entsteht. Anders als etwa bei Tumoren in Brust oder Prostata lässt sich eine Geschwulst im Darm nicht nur früh erkennen, sondern schnell und einfach entfernen, bevor sie bösartig ist. In der Regel entwickeln sich Darmtumore nämlich aus harmlosen Polypen. Bis daraus Krebs entsteht, vergehen meist Jahre.

Doch zu wenige nützen das Angebot, aus Scham und Angst vor der Untersuchung. „Total unnötig!“, sagt Reng. „Man kriegt ja nichts mit.“ Das erzählen auch die Patienten, die es hinter sich haben. Doch dafür müssen sie erst mal über das Thema reden.

Genau das wollte Reng erreichen. Schon als Arzt im niederbayerischen Bogen startete er eine Aktion: „Wir laufen dem Krebs davon“. Im ersten Jahr rannten 30 Menschen los, im zweiten 150 – im dritten 2000. Die deutsche Krebsgesellschaft belohnte die Idee mit dem Darmkrebs-Kommunikationspreis.

Dann wechselte Reng in die Goldberg-Klinik – und suchte nach einem Kelheimer Original als Werbeträger. Er überlegte: der Donaudurchbruch? Kennt jeder. „Aber da denkt man ja nur an Darmdurchbruch“, sagt Reng. Er verwarf die Idee mit dem Naturdenkmal. Vielleicht die Befreiungshalle? Das Monument, das König Ludwig I. im Gedenken an die Befreiungskriege erbauen ließ, thront über der Stadt. Doch wie sollte die Aktion aussehen? Chöre, die singen: „Befreie uns von Darmkrebs“? Auch das schied aus.

Dann, die zündende Idee. Schließlich ist Kelheim die Heimat eines Traditionsbiers: der Schneider-Weissen. Nach der Spiegelung haben die Patienten zudem einen rechten Brand. Damit der Arzt freie Sicht hat, müssen sie schon einen Tag zuvor abführen und sind danach ausgetrocknet. Die Therapie: viel trinken, am besten isotonische Getränke.

Weißbier ist da geradezu ideal, natürlich alkoholfreies. Es macht sogar müde Marathonläufer munter, wie Sportmediziner der Technischen Universität München nachgewiesen haben. „Und es hat sogar weniger Alkohol als mancher Apfelsaft“, sagt Reng.

Brauereichef Georg Schneider war sofort mit von der Partie – und auf ging’s. Reng telefonierte sich durch die Praxen seiner Kollegen. Die meisten sprangen schnell auf. Doch gab es auch Gegenwind: Anstoß nahmen einige Kritiker am Bier, alkoholfrei oder nicht. Für Firmen zu werben, die alkoholhaltige Getränke herstellen – und das bei einer Aktion für Krebsvorsorge: Für manche war das ein Unding. Reng nahm’s gelassen. Zu leugnen, dass die Bayern gerne Bier trinken, hält er schlicht für „witzlos“.

Ein Vorwurf, den man seiner Aktion nicht machen kann: Auf Plakaten wirbt ein strammer Hintern in Lederhosen für mehr Vorsorge. Auf Bierfilzln präsentieren sich ausgefallene Aborte aus Bayern. „Darmkrebsvorsorge – Damit’s auch morgen noch so gut geht wie heute“, steht darauf. Wer’s hinter sich hat, erhält ein Aufkleber mit seinem „DÜV“. Zum Auftakt bliesen die Tanngrindler Musikanten dem Darmkrebs den Marsch.

Die Aktion war ein voller Erfolg – und schwappte im nächsten Jahr über die Stadt Kelheim hinaus. Zwar dachten manche Ärzte beim Erstkontakt mit Reng, der früher als Profikabarettist auf der Bühne stand, an einen Telefonscherz. Die meisten aber hatten Humor – und waren schnell überzeugt. Im dritten Jahr bekamen Patienten in allen Ecken Bayerns ein Bier danach, gebraut in örtlichen Brauereien. Freibier für die Darmkrebsvorsorge floss in Augsburg und Regensburg, in Schongau und Garmisch.

Und jetzt? „Erst mal abwarten.“ Denn langsam wird die Aktion selbst einem Treibauf wie Reng zu groß. Ob „Das Bier danach“ weiterläuft, soll sich nach der Preisverleihung im April entscheiden. Siegt der Gerstensaft, wird das Geld in die Aktion fließen – selbstverständlich.

Derweil beschäftigt sich Reng mit Rechnen. Etwa: Wie viel Liter Bier braucht man, um einen Polypen zu finden? Und: Wie viele für einen Tumor? „Bis zur Preisverleihung hab ich das raus“, sagt er.

Eines aber steht schon jetzt fest: Kein Tröpfchen Freibier war verschenkt.

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