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Völlig falscher Ansatz der Regierung?

„Der Impf-Widerstand war erwartbar“: Psychologe über die Fehler der Corona-Impfkampagne

Anhänger der Querdenker-Bewegung bei einer Demonstration in Göppingen. Am heutigen Samstag werden bis zu 1000 Querdenker in Rosenheim erwartet. dpa
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Sie nennen sich selbst Querdenker und stellen sich gegen fast jede Maßnahme, die der Bekämpfung der Corona-Pandemie dienen soll. Ist dieses Verhalten überraschend?
  • VonSebastian Horsch
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München – Der Berliner Werbepsychologe Dirk Ziems und sein Team erforschen die Auswirkungen der Corona-Pandemie anhand von fortlaufenden Tiefeninterviews in verschiedenen europäischen Ländern. Dabei führten sie auch etliche Gespräche mit Impfunwilligen – mit wertvollen Erkenntnissen.

Herr Ziems, wie konnte Deutschland sehenden Auges mit einer zu niedrigen Impfquote in die vierte Welle laufen?

Dirk Ziems: Man hat unterschätzt, dass man in einer westlichen Gesellschaft immer mit 25 bis 30 Prozent an natürlichen Impfskeptikern rechnen muss. Das war erwartbar, denn der Widerstand gegen körperliche Eingriffe ist uns Menschen angeboren. Die meisten von uns können sich über das ungute Gefühl zwar recht leicht hinwegsetzen – aber eben nicht alle. Und das zieht sich übrigens durch sämtliche Bildungsschichten.

Aber die Regierungen von Bund und Ländern haben doch Werbekampagnen gefahren, die die Menschen zum Impfen bewegen sollten.

Ziems: Ja, nur der Grundansatz war dabei völlig falsch. Man hat auf Massenkommunikation in werblicher Form gesetzt. Mit Slogans wie „Deutschland krempelt die Ärmel hoch“ hat man letztlich nur denen auf die Schulter geklopft, die die Impfung sowieso wollten, und eine Front gegen die Impfskeptiker aufgebaut. Diejenigen, die Vorbehalte haben, hat man vielfach überhaupt nicht erreicht. Das ist übrigens auch kein Wunder, denn wir alle sind ja heutzutage darauf trainiert, unerwünschte Werbung zu ignorieren. Offenbar gab es auch keine Überprüfung, ob die Kampagnen bei den Richtigen ankommen. Dabei wird sonst die Werbung bei jedem Joghurt überprüft, der neu auf den Markt kommt.

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Die Spots waren also wirkungslos?

Ziems: Sie hatten jedenfalls nicht die erhoffte Wirkung. Wir haben Impfgegnern einen Spot der Bundesregierung gezeigt, in dem es darum geht, wie Menschen nach der Überwindung der Pandemie wieder die schönen Seiten des Alltags genießen. Unsere Gesprächspartner reagierten auf die Bilder teils regelrecht gerührt, bemerkten am Ende aber nur: Warum soll mir als Ungeimpftem der Zugang zum normalen Leben versperrt werden? Dazu kam eine bevormundende Art von Aufklärungsarbeit – mit dem Tenor: „Kapiert es doch endlich.“ Doch Sie können jemanden, der Flugangst hat, auch nicht überzeugen, indem Sie ihm vorbeten, dass Fliegen die sicherste Art zu reisen ist.

Was wäre überzeugender gewesen?

Ziems: Man muss verstehen, dass wir alle oft gar nicht so verschieden sind. Für viele Zweifler war der Zeitraum, in dem sie sich für die Impfung oder dagegen entschieden haben, wie eine Weggabelung, an der sie auch anders häen abbiegen können. Deshalb häe die Politik mit persönlicher Ansprache auf Augenhöhe dagegenhalten müssen – und zwar schon im Frühjahr, als sich die Vorbehalte derjenigen, die sich mit der Impfung unwohl fühlen, manifestiert haben. Ich denke, dann häen wir heute eine Impfquote, die zehn bis 15 Prozent höher wäre. So aber haben sich diejenigen, die zunächst nur vorsichtig waren, vielfach zu echten Skeptikern entwickelt und schließlich oft in ein kritisches Glaubenssystem verabschiedet. Diese Menschen kann man heute fast gar nicht mehr erreichen.

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Wie hätte man die Menschen im Frühjahr konkret ansprechen sollen?

Ziems: In Portugal sind Impfteams in die Sportvereine gegangen. In Frankreich hat man mit Imamen zusammengearbeitet, um in den Moscheen Menschen zu überzeugen. In Spanien haben Ärzte die Nicht-Geimpften persönlich angerufen, um sie zu überzeugen. In Deutschland wurde das alles zu lange versäumt und dann nur zaghaft umgesetzt. Gleichzeitig hat man auch noch den Eindruck vermittelt, jeder könne machen, was er will – denn die Politik hat Impfpflichten immer wieder ausgeschlossen.

Andere Länder haben stattdessen früher auf Zwang gesetzt, nachdem klar wurde, dass die Impfquote noch immer nicht ausreicht.

Ziems: Das ist der nächste Punkt, den Deutschland verpasst hat. Im Wahlkampf wurde dieses Problem schlicht verdrängt. In Ländern wie Frankreich oder Italien gab es hingegen eine starke politische Führung, die Widerstände ausgehalten hat. Man muss aber auch sagen, dass es gerade die südeuropäischen Staaten da auch etwas leichter hatten.

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Inwiefern?

Ziems: Die Individualisierung ist dort noch nicht so weit fortgeschritten wie bei uns. Die Großfamilienstrukturen sind noch mehr vorhanden. Man will sich zum Familienessen treffen und man will seine Großeltern schützen. Auch deshalb ist die Impfbereitschaft dort höher.

Nun erhöht auch die deutsche Politik den Druck auf Ungeimpfte. Wird das funktionieren?

Ziems: Ich glaube, dass man mit Druck schon noch eine ganze Menge Menschen zur Impfung bewegen kann. Aber das wird dauern und es wird nicht schön. Ich fürchte, wir werden massive Verwerfungen erleben.

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