Europäische Arzneimittelbehörde gibt grünes Licht

Astrazeneca: Dritter Corona-Virus-Impfstoff in der EU zugelassen – auch für Ältere

In Europa steht ab sofort ein dritter Impfstoff gegen das Coronavirus zur Verfügung. Am Freitag (29. Januar) hat die europäische Arzneimittelbehörde (EMA) den Wirkstoff von Astrazeneca zugelassen. Allerdings begleitet von einer heftigen politischen Debatte um die Lieferungen.

Brüssel / Berlin (dpa/ki) – Die Signale stehen auf Grün: Die EU bekommt den dritten Impfstoff gegen das Coronavirus. Das Präparat des britisch-schwedischen Pharmakonzerns Astrazeneca ist von der europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) zur Zulassung empfohlen worden. Doch noch gibt es wenig Grund zum Jubel. Hersteller Astrazeneca hat weiter Lieferprobleme. In Deutschland könnten dennoch einige eher die Spritze gegen das Coronavirus bekommen.

Astrazeneca-Impfstoff leichter zu handhaben

Nach der EMA muss noch die EU-Kommission zustimmen. Das gilt als Formsache und könnte ebenfalls noch an diesem Freitag geschehen. Bislang sind in der EU die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna zugelassen. Gerade der Wirkstoff des schwedisch-britischen Herstellers Astrazeneca ist für viele EU-Staaten vielversprechend. Der Impfstoff, den der Konzern gemeinsam mit der Universität Oxford entwickelt hatte, wird bereits in großem Stil seit Januar in Großbritannien eingesetzt.

In Europa kann bald der Impfstoff von Astra-Zeneca im Kampf gegen das Coronavirus eingesetzt werden.

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Vorteile des Präparates sind: Er ist preiswerter als die beiden anderen und sehr viel handlicher gerade für Massenimpfungen. So muss er nicht tiefgefroren aufbewahrt werden. Doch es gibt Lieferprobleme, und unklar ist noch die Wirksamkeit bei Älteren. Dennoch hat die EMA nun die Zulassung des Impfstoffes für alle Erwachsenen ab einem Alter von 18 Jahren empfohlen. Von einer möglichen Beschränkung des Impfstoffes auf Menschen bis zu einem Alter von 65 Jahren ist in der Zulassungsempfehlung nicht die Rede.

Im Vorfeld der Zulassung hatte es Zweifel gegeben, ob der Astrazeneca-Impfstoff auch bei älteren Menschen in ausreichendem Maße wirkt. Dazu schreibt die EMA nun, dass der Impfstoff auch älteren Erwachsenen verabreicht werden könne. Man erwarte weitere Daten aus laufenden Studien zur Wirksamkeit der Impfung bei älteren Menschen.

Neuer Impfstoff vorerst nur für unter 65-Jährige

Eine solche Altersbeschränkung hatte zuvor in Deutschland schon die Ständige Impfkommission (Stiko) empfohlen, wie das Bundesgesundheitsministerium mitteilte. Denn die derzeit verfügbaren Daten reichten nicht aus für eine Zulassung für Ältere.

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Der Hersteller Astrazeneca hatte aber zuvor Berichte als falsch zurückgewiesen, dass der Impfstoff bei über 65-Jährigen nur zu acht Prozent wirksam sei. Auch der britische Premier Boris Johnson wies Bedenken beim Astrazeneca-Impfstoff für über 65-Jährige zurück. Die britische Zulassungsbehörde sei der Meinung, dass das Vakzin in allen Altersgruppen eine gute Immunantwort erziele, sagte Johnson am Donnerstag.

Streit mit Astrazeneca um Lieferengpässe weiter ungelöst

Noch ungelöst ist das Lieferproblem. Die EU-Kommission ist in einen heftigen Streit mit dem Hersteller Astrazeneca verstrickt. Der hatte angegeben, wegen Produktionsproblemen etwa 60 Prozent weniger liefern zu können. Daher könnten große Mengen des Impfstoffes für Deutschland und andere EU-Länder erst Wochen oder Monate später zur Verfügung stehen. Dadurch aber drohen Impfprogramme vieler EU-Länder ins Stocken zu geraten. Die EU hatte insgesamt 400 Millionen Impfdosen geordert und besteht auf die Lieferung.

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Die EMA hatte schon seit Monaten die Studien und Daten von Astrazeneca im sogenannten Rolling-Review-Verfahren geprüft. Danach bewerten die Experten die Daten, auch wenn die Versuche noch nicht abgeschlossen sind und auch noch nicht der Antrag auf Zulassung gestellt wurde. Das Verfahren kann dadurch erheblich verkürzt werden. Die Prüfungen gehen übrigens auch nach Zulassung weiter. Denn Meldungen über Nebenwirkungen oder Daten zum Langzeitschutz werden weiterhin bewertet.

Politiker könnten sich jetzt öffentlichkeitswirksam impfen lassen

Nach der Empfehlung der Stiko, mit dem Astrazeneca-Mittel nur Erwachsene unter 65 Jahren zu impfen, fordern Politiker in Deutschland Konsequenzen. Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken und FDP-Vize Wolfgang Kubicki forderten in den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Freitag), Klinik- und Pflegepersonal prioritär den Astrazeneca-Impfstoff zu verabreichen. FDP-Chef Christian Lindner empfahl im TV-Sender Phoenix, Erzieher und Lehrer eher zu impfen. «Das sind ultra-systemrelevante Berufe. Die sollten früher ein Impfangebot bekommen als geplant» sagte Lindner.

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Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach erwartet, dass Medizinpersonal und Polizisten schneller geimpft werden, weil die ersten zwei Risikogruppen hauptsächlich aus über 70-jährigen bestünden. «Aber auch die Bundestagsabgeordneten und die Regierungsmitglieder zählen zur dritten Impfgruppe. Ich selbst auch», sagte Lauterbach der «Augsburger Allgemeinen» (Freitag). Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger bezeichnete es in der «Neuen Osnabrücker Zeitung» (Freitag) als ein vertrauenstärkendes Signal, «wenn sich zum Beispiel die Bundeskanzlerin oder der Bundespräsident öffentlich impfen lassen würde».

Bundesärztekammer fordert Ausbau der Impfstoff-Produktion

Mit einem Impfgipfel am kommenden Montag (1. Februar) wollen Bund und Länder um Vertrauen der Bevölkerung für die schleppend anlaufenden Massenimpfungen werben. Am Freitag haben sich bereits Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, und der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, in Berlin zur aktuellen Lage geäußert.

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Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, begrüßte den Impfgipfel, um mit den Impfstoffherstellern praktische Lösungen zu finden. «Dringend geprüft werden sollte zum Beispiel, ob und wie die EU-Kommission sowie Bund und Länder Kooperationen zwischen Pharmaherstellern unbürokratisch durch schnelle Genehmigungsverfahren für Produktionsanlagen fördern und intensivieren können», forderte Reinhardt in der «Rheinischen Post» (Freitag).

Wer soll den Astrazeneca-Impfstoff zuerst verabreicht bekommen?

Der für Menschen über 65-Jahren nicht empfohlene Corona-Impfstoff des Pharmakonzerns Astrazeneca sollte nach Ansicht von SPD-Bundestagsabgeordneten Uli Grötsch für Lehrer und Erzieher genutzt werden. «Jetzt muss das heißen, dass neben chronisch Kranken aus der Altersgruppe bis 65 vor allem Ktia- und Lehrpersonal prioritär mit diesem Impfstoff geimpft wird. Sie müssen in der Impfgruppe entsprechend nach vorne rücken», sagte der Generalsekretär der bayerischen SPD am Freitag der dpa in München.

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Die Empfehlung der Ständigen Impfkommission mache eine Neubewertung der Impfprioritäten notwendig und sei eine Chance, diese neu zu justieren, sagte Grötsch. «Auch ältere Schüler, für die die Vakzine zugelassen sind, gehören in diese Gruppe. In den Schulen zementieren sich gerade ungleiche Lebensverhältnisse für eine ganze Generation.»

Mit dem Impfstoff, der für die Hochrisikogruppe der über 80-Jährigen nicht tauge, müsse in Schulen für eine baldige Rückkehr zum Regelunterricht gesorgt werden. Wenn analog zur reduzierten Anzahl an Impfdosen in der EU auch Deutschland nur mit rund 37 Prozent der bestellten Menge rechnen könne, gebe es noch 19 Millionen Dosen. «Damit könnten wir jungen Menschen in unserem Land wieder eine Perspektive bieten und dem weiteren Auseinanderdriften von Lebenschancen entgegensteuern», sagte Grötsch.

Markus Söder übt harte Kritik an der Impfstoff-Beschaffung in der EU

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat der Europäischen Union Fehler im Kampf gegen die Corona-Pandemie vorgeworfen. Es sei zu spät Impfstoff bestellt und zudem nur auf wenige Hersteller gesetzt worden, sagte Söder am Freitag im ZDF-«Morgenmagazin». Das Ergebnis sei bislang ungenügend. «Die operative Verantwortung lag in Europa», hielt Söder fest. Man habe die grundlegende Bedeutung unterschätzt.

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Nun sei man auch hierzulande einige Wochen nach Beginn des Impfstarts an einen Punkt, an dem die bestellten Mengen nicht ankommen und Impfungen deswegen verschoben werden. «Das ist schon eine sehr, sehr unsichere Situation für so ein wichtiges Thema. Und ich glaube, man hat es auch in Deutschland an einigen Stellen am Anfang unterschätzt», sagte Söder. Nun brauche es «maximale Transparenz» bei der Aufarbeitung der Probleme. Söder begrüßte den Impfgipfel von Bund und Ländern am Montag.

Jetzt gehe es darum, schneller an mehr Impfstoff zu bekommen. «Das kann doch nicht sein, dass ein so großer Kontinent, der wirtschaftlich so stark ist und so viele große Pharma-Unternehmen hat, nicht mehr an Produktion möglich machen kann, als nur ein Werk, dass jetzt gerade in Marburg ans Band gehen soll», sagte Söder.

Export von Impfstoffen: EU hat bislang keinen Überblick

Die EU-Kommission schließt derweil allgemeine Exportbeschränkungen aus der Europäischen Union für Corona-Impfstoffe aus. Das angekündigte System zur Erfassung und Genehmigung der Ausfuhren soll lediglich Klarheit über Produktionsmengen und Exporte bringen, wie Vizepräsident Valdis Dombrovskis bei einer Online-Diskussion des Weltwirtschaftsforums sagte. Man rede nicht über Exportverbote oder Exportbeschränkungen.

Exporte von Impfstoffen könnten damit nur untersagt werden, wenn Hersteller damit die EU unrechtmäßig benachteiligen. Ausfuhren in Entwicklungsländer im Rahmen der Covax-Initiative und für humanitäre Zwecke seien vollständig ausgenommen, sagte Dombrovskis. Das geplante System sieht vor, dass Hersteller künftig geplante Exporte bei den nationalen Behörden anmelden und genehmigen lassen müssen. Weitere Details zum Mechanismus wollte Dombrovskis am Freitagnachmittag mit Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides in Brüssel vorstellen.

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