"Da brechen Welten zusammen"

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- Rosenheim/Bad Reichenhall - Zugang zur Seele eines fremden Menschen finden in der Stunde des größten Schmerzes. Das ist in dieser schrecklichen Nacht die große Aufgabe von Christian Heiß und seinen Männern.

Tragödien spielen sich ab in der alten Grundschule in Bad Reichenhall, wo sich das Betreuungszentrum für die Angehörigen der Opfer befindet. Vier der zwölf psycho-traumatologisch geschulten Bergwacht-Mitglieder, die es mit 30 verzweifelten Menschen zu tun haben, kommen aus dem Raum Rosenheim. Die Ereignisse stellen sie vor eine Zerreißprobe für Geist und Körper. Und Erinnerungen an Kaprun werden wach. Damals, im November 2000, waren sie es, die den Angehörigen der Opfer der Bergbahn-Katastrophe die Todesnachricht überbringen mussten.

Nicht nur heimische Lawinenhundeführer der Bergwacht (wir berichteten) gingen beim Katastropheneinsatz in Bad Reichenhall physisch und psychisch an ihre Grenzen. Auch die Bergwacht-Gruppe für psycho-soziale Notfallversorgung und 20 Hundeführer der Rettungshundestaffel Inntal waren zur Stelle, als sie gerufen wurden. Die einen suchten im Trümmerhaufen unterm eingestürzten Stadiondach nach Opfern, die anderen kümmerten sich um trauernde, bangende und hoffende Angehörige. Das OVB sprach mit den KIT-Helfern über ihre Eindrücke in der Horror-Nacht.

"Das sind Momente, da brechen Welten zusammen", sagt Heiß. Er ist der Leiter des Katastrophen-Interventionsteams (KIT) der Bergwacht im Bereich Hochland-Ost, der von Rottach-Egern bis zum Chiemsee sowie von München bis zur Landesgrenze reicht.

Die ganze Nacht hindurch haben es die KIT-Helfer mit allen Facetten menschlicher Reaktionen auf persönliche Katastrophen zu tun: Wut, Tränen, Aggression, Selbstvorwürfe und Apathie. Jeder Blick, jedes Wort, jeder Körperkontakt muss jetzt wohl überlegt sein, denn die Väter, Mütter, Großväter und Tanten befinden sich in einem ständigen Wechsel zwischen unerträglicher Spannung und totaler Leere.

Zu ihrer traurigen Pflicht gehört es auch, in der Bad Reichenhaller Kaserne eine pietätvolle Atmosphäre zu schaffen. Dort liegen die Toten. Die KIT-Helfer stellen Kerzen auf, zünden sie an, bedecken die Opfer in den offenen Särgen mit Tüchern. Angehörige sind hin und her gerissen bei der Frage, ob sie persönlich Abschied von ihren Lieben nehmen wollen. Die KIT-Gruppe leistet auch bei dieser Frage Beistand.

Als das Quintett aus dem Raum Rosenheim am Abend zusammen mit weiteren acht Kollegen aus ganz Südbayern die Arbeit in der Grundschule aufnimmt, gibt es noch 20 Vermisste. Viele hoffen noch. "Das Warten, die Ungewissheit - das ist das Schlimmste für die Leute", sagt Heiß. Wie sich zeigt, hoffen fast alle umsonst. Am Dienstagmorgen, als die Bergwachtler völlig erschöpft ihren 13-Stunden-Einsatz beenden, sind es nur noch sieben Vermisste. Nur ein Mädchen wird lebend geborgen, für die Angehörigen von weiteren zwölf Opfern bricht dagegen endgültig eine Welt zusammen.

Auf sie einzureden, sie abzulenken, Informationen zurückzuhalten, ist nicht Bestandteil der psychosozialen Notfallversorgung. Die KIT-Kräfte widmen den Trauernden vor allem eins: Zeit. Die noch frischen Eindrücke der Horror-Nacht verarbeitete gestern jeder auf seine Weise: arbeiten, daheim bleiben, laufen, sich hinlegen. Manche Helfer brauchen nun sogar selbst Hilfe. Hierzu gibt es zahlreiche Angebote der Bergwacht.

Vor allem ein schrecklicher Fund war es im Stadion, der die Männer und Frauen der Rettungshundestaffel Inntal schockte. Weil es für die Hunde in der betonharten Schneewand kein Durchkommen gab, griffen auch sie zur Schaufel, um den Weg zu neuen Hohlräumen freizumachen. Dabei fanden sie ein zehnjähriges Mädchen - tot. Die weitere Bergung übernahmen dann Kripo, THW und Feuerwehr. "Das waren extreme Eindrücke", so Heidemarie Schmalwieser, Vorsitzende der Rettungshundestaffel.

Wie auch für andere Einsatzkräfte ist für die Hundeführer bereits die Anfahrt zum Katastrophenort eine nervenaufreibende Geschichte. Schmalwieser: "Eigentlich sollte eine Spur auf der Autobahn für die Helfer freigehalten werden, viele Autofahrer haben sich aber leider nicht daran gehalten." Doch die Polizei gibt ihr Bestes, eskortiert auch die 20 Hundeführer mit ihren acht Trümmerhunden zum Stadion. Um 19 Uhr sind die Hundeführer einsatzbereit, wegen der Einsturzgefahr kommen sie erst um 0.30 Uhr zu dem Einsatz, den auch sie nie mehr vergessen werden.

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