Bethlehems heiligste Baustelle

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Zu Weihnachten strömen tausende Touristen nach Bethlehem. Doch der Ort, an dem Jesus geboren worden sein soll, die Geburtskirche, ist eine Ruine. Bei Regen tropft es von der Decke, die Wände schimmeln und jahrhundertealte Mosaike drohen abzufallen. Nun wird erstmals seit 200 Jahren renoviert.

Die Geburtskirche Jesu

Zu Weihnachten strömen tausende Touristen nach Bethlehem. Doch der Ort, an dem Jesus geboren worden sein soll, die Geburtskirche, ist eine Ruine. Bei Regen tropft es von der Decke, die Wände schimmeln und jahrhundertealte Mosaike drohen abzufallen. Nun wird erstmals seit 200 Jahren renoviert.

Von Carolin Henkenberens

Bethlehem – „Sie sind genau richtig gekommen“, scherzt Afif Tweme und blickt auf eines der Fenster, hinter denen der Regen peitscht. Wie zum Beweis landet ein Wassertropfen auf Twemes Schulter. „Das Dach leckt seit Jahren“, sagt der Ingenieur, der einen Eimer auf die Stelle stellt, an der er eben noch stand. Der Geruch von Schimmelpilz liegt in der Luft. Das Regenwasser, das durch das marode Dach der Geburtskirche tropft und bis ins Gemäuer gesickert ist, hat enorme Schäden angerichtet. An den Wänden haben sich dunkle Streifen gebildet, überall blättert der Putz ab.

Afif Tweme koordiniert das internationale Expertenteam aus Restauratoren, Archäologen und Ingenieuren, das derzeit das Dach sowie die 38 Fenster der Geburtskirche erneuert. „Für mehr reicht das Geld vorerst nicht“, fügt der Palästinenser hinzu. An die Wände ist noch nicht zu denken, denn für eine Komplettrenovierung wären 15 Millionen Euro nötig. Bisher konnten jedoch nur etwa zwei Millionen gesammelt werden. Den Großteil gab die palästinensische Autonomiebehörde und rund eine halbe Million Euro spendeten lokale Unternehmen. Die restliche Summe kommt aus Ungarn, Griechenland, Frankreich, Russland und dem Vatikan.

Die Restauratoren sind Spezialisten aus dem italienischen Prato. An welchen Stellen im Dach das Holz ausgetauscht werden muss, das entscheidet Massimo Mannucci. Der Holztechniker hat schon Gebäude wie den Senatorenpalast in Rom und das Turiner Schloss inspiziert. Er erkennt am Klang des Holzes, ob es verrottet ist. Je dumpfer der Ton, desto schlechter, sagt er.

„Sehen Sie sich das an“, sagt Massimo Mannucci bevor er seinen weißen Mundschutz über Nase und Bart stülpt. Mit einem Hammer schlägt er leicht gegen einen der dunklen Dachbalken, der aus der grauen Wand ragt. Eine helle Staubwolke bildet sich im Lichtkegel seiner Stirnlampe und kleine Holzsplitter fallen herab. „Morsch, komplett morsch“, brummt es aus dem Mundschutz. „Dieses Stück müssen wir auf jeden Fall austauschen“, stellt Mannucci fest. Die Dachbalken sind aus Zeder, Lärche und Eiche. Das Zedernholz stamme teilweise noch von vor rund 1400 Jahren, als Justinian die Kirche wiedererrichtete. Die ursprüngliche Kirche, die Konstantin im 4. Jahrhundert erbaute, war beim Aufstand der Samaritaner zerstört worden.

In ihrer Geschichte hat die Kirche viel aushalten müssen: Wie durch Glück überstand sie die Herrschaft der Perser, die in der Region kaum ein christliches Gotteshaus unzerstört zurückließen. Die Türken entfernten Marmorornamente und ein Brand in 1917 beschädigte die Kirche erneut. Im Jahr 2002, während der Zweiten Intifada, stand sie sogar unter Beschuss, als Aufständische sie für 39 Tage besetzten. Noch heute sind Einschusslöcher zu sehen. „Die letzte große Instandsetzung abseits von kosmetischen Arbeiten liegt 200 Jahre zurück. Das Dach ist sogar 600 Jahre nicht umfassend renoviert worden“, sagt Projektleiter Tweme.

„Die Besucher der Kirche sollen durch die Bauarbeiten nicht gestört werden“, sagt Tweme. In der Weihnachtszeit dürften deswegen nur kleine Arbeiten durchgeführt werden. Das sei eine der Bedingungen gewesen, die die armenische, die katholische und die griechisch-orthodoxe Kirche gestellt haben, als sie der Renovierung zustimmten. Jahrelang verhinderten Streitigkeiten zwischen den drei Kirchen, die gemeinsam die Basilika verwalten, eine Instandsetzung. Jeder Quadratzentimeter ist umkämpft. Ein Vertrag regelt sogar, wer welchen Altar abstauben und welche Treppe fegen darf. Weil keine Einigung in Sicht war, hat letztlich Palästinenserpräsident Mahmud Abbas ein Machtwort gesprochen und die Renovierung angeordnet.

Hoch oben im Dachstuhl, zwischen zwei Stahlgerüsten und für die Besucher nicht einsehbar, ist eine Ebene aus Sperrholzplatten errichtet worden: Eine Baustelle am heiligsten Ort Bethlehems. Neben den Arbeiten am Dach werden alle Fenster ersetzt. Kaum eine Scheibe ist noch intakt. Die Holzrahmen und Dachbalken werden eigens aus Italien angeliefert. 700 Kilogramm wiegt ein Balken. Allein der Transport ist eine logistische Herausforderung.

Während in fünf Metern Höhe Restauratoren damit beschäftigt sind, goldene Engelsmosaike aus dem 12. Jahrhundert mit Flies abzukleben, um sie vor den Bauarbeiten zu schützen, drängen sich unten in der Kirche die Pilgergruppen. Im schummrigen Licht von kitschigen Öllampen warten sie geduldig vor dem Eingang zur Grotte, der Stelle, wo Jesus geboren worden sein soll. Die Schlange reicht fast bis zur Tür, vor der sich die Besucher abermals stauen. Die „Demutspforte“ mit ihrer niedrigen Höhe von 1,20 Metern zwingt Eintretende in eine gebückte Haltung. Frauen kreuzigen sich andächtig vor Marienikonen, im Sekundentakt blitzen Fotoapparate. Im Stimmengewirr überwiegen polnisch, russisch und italienisch.

2,6 Millionen Menschen besuchten Bethlehem im Jahr 2012. Doch trotz seiner biblischen Bedeutung bescherte der Tourismus der Stadt keinen Reichtum. Bethlehem liegt im von Israel besetzten Westjordanland, nur zehn Kilometer südlich von Jerusalem, jedoch abgetrennt durch eine acht Meter hohe Mauer und Sicherheitsanlagen. Touristen kommen fast ausschließlich mit israelischen Fremdenführern und Bussen, die direkt neben der Geburtskirche halten – zum Leidwesen der Souvenirläden, Hotels und Restaurants. Sie profitieren kaum von den Besuchern. „Viele Touristen betreten nicht einmal die Altstadt“, klagt Bürgermeisterin Vera Baboun.

Ein Teilerfolg für die Palästinenser war es daher, dass die Unesco im Sommer 2012 dem Antrag zur Aufnahme der Kirche in die Liste des Weltkulturerbes zustimmte. „Es ist nun leichter, Spenden für die Renovierung zu erhalten“, sagt Baboun. Geld aus dem Welterbefonds habe man jedoch bisher nicht erhalten, die 15 Millionen scheinen noch weit entfernt.

Der Welterbe-Status bringt Pflichten mit sich: Die Restauratoren müssen genauestens festhalten, wie und was sie an dem Sakralbau erneuern. „Jeder einzelne Nagel wird dokumentiert und muss nach dem Tausch des Holzes wieder an der gleichen Stelle sein wie vorher“, betont Tweme. Im September 2014 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. „Hinterher wird sich jeder fragen, was wir hier so lange getan haben, weil man nichts sehen kann.“ Denn auch wenn es nicht mehr hereinregnet, bleibt die Kirche weiter eine Baustelle.

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