Zwangsarbeit auf dem Feld

Heute kaum mehr bekannt: ein Flachsfeld bei Lohhof.
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Heute kaum mehr bekannt: ein Flachsfeld bei Lohhof.

bayern & seine geschichten . In Lohhof wurde Flachs angebaut – die Arbeiterinnen waren Juden.

Die Sonne brennt unbarmherzig. Es ist Sommer 1942, und die jüdische Zwangsarbeiterin Else Behrend-Rosenfeld aus Icking im Isartal muss auf einem Feld bei München Flachsstroh sortieren, Stängel für Stängel. Brechen sie, kommen sie in den Abfall. Viele Flachshaufen sind verschimmelt und stinken bestialisch. Schnell ist die 51-Jährige von einer grauen Staubschicht bedeckt. „Am schwersten aber ist das dauernde Stehen in der glühenden Sonnenhitze zu ertragen“, schreibt sie später in ihrem Tagebuch.

So wie Else Behrend-Rosenfeld erging es vielen im Zwangsarbeiterlager Flachsröste Lohhof bei Unterschleißheim (Landkreis München). Etwa 300 jüdische Zwangsarbeiter, überwiegend Frauen, waren hier beschäftigt. Hinzu kamen noch mehr als 100 ausländische Zwangsarbeiter. Der Münchner Historiker Maximilian Strnad beleuchtet in seinem Buch „Flachs für das Reich“ (Volk Verlag, 13,90 Euro) ihr erschütterndes Leben in Lohhof.

Während des Zweiten Weltkriegs mangelte es im „Reich“ an Arbeitskräften. Um die Wirtschaft am Laufen zu halten, setzte das NS-Regime Zwangsarbeiter ein. Die Frauen in Lohhof sollten Flachsfasern gewinnen – ein Stoff, der heute aus der deutschen Landwirtschaft nahezu verschwunden ist. Früher wurde daraus das qualitativ hochwertige Leintuch hergestellt, für Kleidungsstücke und Alltagsgegenstände wie Säcke, Segeltücher und Zeltplanen. Im Krieg wollte man die heimische Produktion hochfahren, um von Importen unabhängiger zu werden.

Um den holzigen Kern des Stängels aus der spinnbaren Faser zu lösen, mussten die Zwangsarbeiterinnen das Flachsstroh in Wasser einweichen. „Das Schleppen der feuchten, schweren Ballen war für die Frauen sehr anstrengend“, sagt Strnad. „Die Arbeit in der Flachsröste war extrem gesundheitsschädigend, häufig kam es zu Unfällen.“ Die jüdischen Frauen nannten den Arbeitseinsatz bei der Flachsröste „die Hölle von Lohhof“.

Heute liegt das ehemalige Gelände der Flachsröste in einem Industriegebiet nahe des S-Bahnhofs Lohhof. Das alte Fabrikgebäude steht noch. Im Zweiten Weltkrieg arbeiteten dort zunächst französische Kriegsgefangene und belgische Zwangsarbeiterinnen. Ab Sommer 1941 wurden vor allem jüdische Frauen zwangsverpflichtet. Eine tragende Rolle spielte die Münchner Arisierungsstelle, die sich dafür einsetzte, neben den Münchner Lagern Milbertshofen und Berg am Laim auch auf dem Gelände der Flachsröste Lohhof ein Lager für bis zu 80 Münchner jüdische Frauen einzurichten. Hier wurden sie in Baracken gettoisiert und später in die Konzentrationslager deportiert.

In Lohhof sollten vor allem Mädchen und junge Frauen ab 14 Jahren untergebracht werden. Wegen des Arbeitskräftemangels wurden aber bald auch ältere Frauen von teils mehr als 60 Jahren nach Lohhof überstellt. „Die Zwangsarbeiterinnen mussten sechs Tage in der Woche im Zweischichtsystem arbeiten“, sagt Strnad. Ein Arbeitstag war militärisch straff organisiert, er begann mit Wecken um 5.30 Uhr und dauerte bis 17.30 Uhr abends. „Oft mussten sie nacharbeiten, sodass sie noch längere Arbeitszeiten hatten.“ Der karge Wochenlohn betrug etwa 10 Reichsmark, umgerechnet 30 bis 40 Euro. Für die meisten Frauen war Lohhof nur eine Etappe in den Tod. Sie wurden ab November 1942 in Lager wie Kaunas, Piaski, Theresienstadt oder Auschwitz deportiert und dort umgebracht. Nur 30 überlebten.

Vor Strnads Buch war über das Lager nur wenig bekannt. Die Quellenlage galt als sehr schwierig, da viele Unterlagen bei der Befreiung Lohhofs im April 1945 verbrannten. Erst der überraschende Fund der Tagesberichte des Lagerleiters Rolf Grabower gewährte Einblicke in den Alltag der Zwangsarbeiter.

Nach Strnads Eindruck ist das Lager bislang nicht im Gedächtnis der Münchner angekommen: „Man sollte der Erinnerung Platz im öffentlichen Raum geben.“ Die Stadt Unterschleißheim habe durch die Finanzierung seiner Recherchen ein bemerkenswertes Interesse an der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit gezeigt. Was noch fehlt, ist eine Gedenktafel. Das ist schwierig, weil das Gelände heute in Privatbesitz ist. Die Verhandlungen ziehen sich – entgegen ersten Überlegungen wird es wohl erst 2015 klappen.

michael Hellstern

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