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„Wir müssen die gesamte Weltwirtschaft umbauen“

Zukunftsforscher Ulrich Eberl über Chancen der Technik - und den Zeitdruck sie zu nutzen

Technischer Fortschritt als Weg aus der Klima-Krise?
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Technischer Fortschritt als Weg aus der Klima-Krise? Physiker und Wissenschaftsjournalist Ulrich Eberl findet: Wir müssen mehr über die Chancen der Technik sprechen.
  • Klaus Rimpel
    VonKlaus Rimpel
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Klima-Krise, Artensterben, Plastikberge: Die Probleme, in denen die Welt steckt, sind oft beschrieben worden. Doch der Physiker und Wissenschaftsjournalist Ulrich Eberl findet, dass zu wenig über die Chancen gesprochen wird, wie diese Krisen mithilfe von Technik zu bewältigen sind.

München – In seinem neuen Buch „Unsere Überlebensformel“ (Piper Verlag) beschreibt der frühere Leiter der Siemens-Innovationskommunikation, Ulrich Eberl, wie die Umweltkrisen überwunden werden könnten – mit ganzheitlichem Denken, effektiver Forschung und vor allem mit dem Willen der Menschen zum Wandel. Wir sprachen mit dem 60-Jährigen über Auswege aus dem Klima-Dilemma.

Herr Eberl: Was sagen Sie zu Leuten, die argumentieren, in diese Welt sollte man besser keine Kinder mehr setzen?

Ulrich Eberl: Ich habe selbst zwei Kinder und ich denke, wir können die Welt verändern, sodass wir eine gute, nachhaltige Zukunft haben werden. Wir müssen es nur wollen. Und wir müssen es tun. Wir müssen die gesamte Weltwirtschaft umbauen – aber es ist nicht das erste Mal, dass die Menschheit das schafft. Nur: Die Geschwindigkeit, die für diese Revolution notwendig ist, ist wesentlich höher als früher. Wir müssen unser Klima-Problem in den nächsten 20 Jahren lösen.

Wie sehr kann uns dabei Technik helfen? 

Ulrich Eberl: Technik ist neben der Psychologie der entscheidende Faktor. Die wichtigsten Hebel sind dabei Wind- und Solarstrom, Elektromobilität, grüner Wasserstoff bis hin zur grünen Stahl- und Chemieindustrie, die Sanierung von Gebäuden, energiesparende Geräte, eine Kreislaufwirtschaft mit weit weniger Müll, der Stopp von Rodungen in den Tropen und die Verringerung des Fleischkonsums.

Sie haben den Faktor Psychologie genannt: Wie bringt man Menschen dazu, sich wirklich umzustellen – beispielsweise bei der Ernährung?

Ulrich Eberl: Ein nachhaltigeres Leben bedeutet ja keineswegs Verzicht. Das Leben in einer Wohnung mit viel Holz ist weit angenehmer als in einer Betonburg. Eine Stadt der kurzen Wege mit weniger Autos und viel Grün bedeutet ein sehr entspanntes, entschleunigtes Leben. Und eine vorwiegend pflanzliche Ernährung mit weniger Fleisch und weniger Fertigprodukten ist eindeutig nicht nur fürs Klima und fürs Tierwohl besser, sondern nachweislich auch gesünder. Beim Essen ändert sich die Kultur in Deutschland merklich: Wir haben inzwischen über neun Millionen Menschen, die sich vegetarisch oder vegan ernähren. Ein Deutscher isst heute im Durchschnitt weniger Fleisch als ein Chinese. 

Es gibt eine Milliarde Chinesen – vergrößert sich nicht der Fleischkonsum weltweit, wenn Staaten in Asien oder Afrika mit Nachholbedarf beim Luxus das machen, was wir in den letzten Jahrzehnten selber gemacht haben?

Ulrich Eberl: Klar denken viele Chinesen, höherer Fleischkonsum bedeutet mehr Lebensstandard. Das war bei uns vor 60 Jahren nicht anders. Aber wir haben keinen Anlass, beim Klimaschutz die Chinesen an den Pranger zu stellen: Peking fördert massiv die Elektromobilität und hat angekündigt, bis 2030 Solar- und Windanlagen mit 450 Gigawatt in Wüstengebieten aufbauen zu wollen. Das ist weit mehr, als die gesamte EU besitzt. Der Punkt ist, dass Strom aus Wind und Solar weltweit inzwischen kostengünstiger ist als Strom aus Kohle – das gilt auch für China. Zwar werden in China und Indien noch Kohlekraftwerke gebaut, aber der ökonomische Druck geht auch dort hin zu den Erneuerbaren. China und Indien gewinnen schon jetzt mehr Energie aus Erneuerbaren als die EU und die USA zusammen.

Die Deutsche Umwelthilfe hat den deutschen Abriss-Wahn angeprangert, der auch damit zu tun hat, dass neu bauen oft wirtschaftlicher ist, als alte Gebäude auf den neuesten Stand der Technik zu bringen. Werden da Wärmepumpen und Dämmungen nicht kontraproduktiv?

Ulrich Eberl: Das sogenannte „Energiesprong“-Konzept der Niederlande zeigt, dass es auch anders geht. Die schaffen es, alte Häuser binnen acht Tagen auf Passivhaus-Standard zu bringen! Dazu werden die Häuser 3D-gescannt, dann wird am Computer simuliert, was gemacht werden muss – und dann werden die Häuser mit Dämmungen, Photovoltaik, Speichern und Wärmepumpen umgerüstet. Bei uns könnte die Sanierung des ältesten Drittels unserer Gebäude 80 Prozent von deren Heizenergie einsparen. Da ist viel machbar. Aber für all das brauchen wir eine Menge Fachkräfte, die entsprechend aus- und weitergebildet werden.

Wenn Probleme wie der Ukraine-Krieg ums Eck kommen, rückt das Klima schnell wieder in den Hintergrund. Wie gefährlich ist das? 

Ulrich Eberl: Jede Medaille hat zwei Seiten. Dieser für die Opfer so schreckliche Krieg nimmt die Aufmerksamkeit von den entscheidenden Fragen, die die Menschheit lösen muss: Klimawandel, Artensterben, die Müllproblematik. Die andere Seite der Medaille ist aber, dass der Krieg noch deutlicher macht, dass wir unbedingt von Kohle und Gas unabhängig werden müssen, weil wir uns dadurch erpressbar gemacht haben. Insofern haben Politiker Recht, wenn sie Solar und Wind als „Freiheitsenergien“ bezeichnen. 

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