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Sie war eine Getriebene, rastlose Urgrüne, Ikone für Umweltschutz und Frieden: Petra Kelly, vor 25 Jahren ermordet, wäre heute 70 Jahre alt geworden. Eine ungewöhnliche Frau mit bayerischen Wurzeln.

HEUTE wäre Petra kelly 70 geworden

VON DIRK WALTER

München/Freising – Das Ende kommt am Morgen des 1. Oktober 1992 – so wird es die Polizei später recherchieren. Gerd Bastian, ein ehemaliger Bundeswehr-General und mit Petra Kelly wohl seit 1982 liiert, setzt sich ins Wohnzimmer seines Hauses in Bonn, tippt einen Brief an seine erste Frau, die in München lebt. Dann noch einen zweiten, an den Anwalt Hartmut Wächtler in München. Mitten im Satz, ja im Wort, aber bricht er ab: „müs ...“ steht als letztes auf dem Papier, das noch in die elektrische Maschine eingespannt ist, als die Polizei am 18. Oktober die Leichen entdeckt. Bastian ist mitten beim Schreiben wohl aufgestanden, so nimmt es die Polizei an. Er geht zu Petra Kelly ins Schlafzimmer, hält eine Pistole an die Schläfe der auf dem Bauch schlafenden Frau und erschießt sie. Dann richtet er im Flur die Waffe gegen sich selbst. Die Polizei spricht später vom „erweiterten Suizid“, doch Mord mit anschließendem Selbstmord kommt der Wahrheit wohl näher.

Es ist das dramatische Ende einer Frau, die viele Gesichter hatte. Ikone der frühen Grünen war sie, Leitfigur der Friedensbewegung, eine Ausnahmefigur in vieler Hinsicht. Aber auch eine rastlose Getriebene, die 18, 20 Stunden am Tag Briefe schreibt und Reden hält – gegen das Elend der Welt ankämpft und scheitern muss. Aborigines in Australien, Lakota-Indianer in den USA, Strahlenopfer in Hiroshima – und die Flughafen-Gegner vom Erdinger Moos. Dazu später mehr. Der „Spiegel“ hat wenige Tage nach dem gewaltsamen Tod Kellys mit dem zeitweisen Grünen-Geschäftsführer Lukas Beckmann gesprochen. „Ihr fehlte der Filter, um die Not der Menschen von sich abzugrenzen“, sagte Beckmann. Das trifft es wohl ebenso wie die Kurz-Analyse des Weilheimer Friedensforschers Erich Schmidt-Eenboom, der das Paar gut gekannt hat und sich noch an Anrufe von „der Petra“ erinnert, die ihn um 5.30 Uhr früh aus dem Schlaf rissen. Er sagt: „Mit ihrer Lebens- und Denkgeschwindigkeit konnte man nicht mithalten.“

Die Tibet-Initiative in Freising wird heute, am 70. Geburtstag der Kämpferin, eine Gedenkveranstaltung abhalten. Denn auch für Tibet hat sich Petra Kelly engagiert, den Dalai Lama mehrmals begleitet. Auch die Grünen in Nürnberg enthüllen eine Gedenkplakette – zur Erinnerung daran, dass die weltweit bekannte Trägerin des Alternativen Nobelpreises von 1982 auch viele bayerische Verwurzelungen hatte. Geboren 1947 in Günzburg, später nach Jahren in den USA Rückkehr mit ihrer Mutter und dem Stiefvater, einem US-Soldaten, an den US-Militärstützpunkt Würzburg. In Nürnberg wohnt eine heimliche Wahlkampfhelferin, ihre Oma Kunigunde Birle, „grüne Omi“ genannt. In Nürnberg-Nord kandidiert Petra Kelly auch erstmals für den Bundestag, 1980 erfolglos (2,5 Prozent der Erststimmen), 1983 dann mit Erfolg. An der Seite von Otto Schily, Antje Vollmer und anderen zieht sie in den Bonner Bundestag. Auch bei der Wahl 1987 kandidiert sie – diesmal aber im Wahlkreis Freising. „Das war eine Kampfabstimmung, die sie knapp gewann“, erinnert sich der Freisinger Landtagsabgeordnete Christian Magerl, damals Wahlleiter der internen Aufstellungsversammlung. Er weiß noch, dass Kelly – nicht untypisch für sie – ihre Redezeit gnadenlos ausdehnte, bis Magerl sie mit der Uhr vor der Nase an die Zeitbeschränkung erinnerte. „Da bin ich etwas in Verschiss bei ihr geraten.“

Petra Kelly kommt im Januar 1987 über die Liste erneut in den Bundestag, sie erringt in Freising 9,4 Prozent, ein gutes Ergebnis. Mit eigenem Büro in der Fischergasse kämpft sie auch gegen den Flughafen, der damals gerade im Bau war. In jener Zeit gibt es Veranstaltungen, in denen Petra Kelly mit Gerd Bastian vor einer militärischen Nutzung von „München II“ warnen – es ist die Zeit der Pershing II-Stationierung, der atomare Schrecken ein Dauerthema der Friedensbewegung. Morgens Erdinger Moos, abends Weltfrieden – „das war keine einfache Zeit mit ihr“, sagt Jutta Radojkovic, Freisinger Grünen-Stadträtin der ersten Stunde (seit 1984). „Petra war sehr ungeduldig, da stand immer eine Idee dahinter.“ Radojkovic hat noch eine Postkarte von Petra Kelly, es ging um Tibet. „Liebe Jutta“, rügt Petra Kelly, „ich habe mir so viel Mühe damit gemacht, und dann wird nichts verteilt im KV“ – KV heißt Kreisverband. „Macht so viel Ärger“, steht noch dabei.

Freising, Moskau, New York, Bonn, Brüssel: Bei dem Tempo kommt mancher Grüner nicht mehr mit. Nach der Wiedervereinigung gibt es 1990 eine vorzeitige Neuwahl des Bundestags. Bei der Nominierungsversammlung der bayerischen Grünen in Augsburg wird Jutta Radojkovic zur Spitzenkandidatin gewählt. Petra Kelly fehlt – sie schickt nur ein Fax, dass sie doch bitte schön nominiert werden solle. Die Ausnahmefigur fordert Ausnahmeregeln. Doch einen Promi-Bonus gibt es bei den Basis-verliebten Grünen nicht. Kelly fällt durch. „Das war dramatisch“, sagt Jutta Radojkovic heute.

Vielleicht war dies der Anfang vom Ende. Seit 1990 versinkt das Paar Kelly/Bastian langsam in der Bedeutungslosigkeit. Sie finden kaum mehr Gehör, ohne Mandat verpuffen ihre Initiativen. Zur Frustration kommt 1992 eine Verletzung, die Gerd Bastian lange ans Bett fesselt. Beide sollen in dieser Schaffenskrise gegenüber Freunden wiederholt vom Tod gesprochen haben.

Doch der Schluss an jenem Oktobermorgen des Jahres 1992 ist ein sprachloses Ende. Irgendwelche Notizen, ein Abschiedsbrief gar, wurden nicht gefunden.

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