Von der Zugspitze in den Krieg

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Kaum an der Front, schon verwundet: Otto Glatz aus Garmisch-Partenkirchen. Repro: Voigt

„I kimm glei“, soll Otto Glatz gesagt haben. Er ist heute völlig unbekannt, vor 100 Jahren während des Ersten Weltkriegs jedoch war der junge Garmischer eine Berühmtheit: als „höchster“ einberufener Soldat des Deutschen Reiches. Hier seine Geschichte.

DIE GESCHICHTE DES OTTO GLATZ

von immanuel VOIGT

Garmisch-Partenkirchen – Vor 100 Jahren, während des Ersten Weltkrieges, avancierte die Bildpostkarte zum Massenkommunikationsmittel, neben dem Feldpostbrief. Oft war dies für die Soldaten die einzige Möglichkeit, an die Lieben daheim kurze Grüße zu richten, vergleichbar mit einer SMS. Entsprechend wichtig war daher die Feldpost für die Männer im Schützengraben. Allein im Deutschen Reich wurden während des Krieges 1914 bis 1918 rund 28,7 Milliarden Feldpostsendungen zwischen Front und Heimat verschickt. Nach vorsichtigen Schätzungen waren davon etwa ein Viertel Bildpostkarten. Besonders für 1914/15 finden sich sehr viele Bildpostkarten mit Propagandamotiven und patriotischen Szenen, die die Kriegsbegeisterung der deutschen Bevölkerung anfachen sollten.

So eine Art Bildpostkarte ist auch die des Oberbayern Otto Glatz. Noch im August oder September 1914 ging eine Postkarte mit seinem Konterfei in massenhaften Umlauf, die ihn als den „höchsten Einberufenen des Deutschen Reiches“ feierte. Herausgegeben wurde die Karte vom Verlag L. Nauheim in Nürnberg, der extra den Bayreuther Hoffotografen „Ramme & Ullrich“ damit beauftragte, den verwundeten „Helden“ in einem Lazarett abzulichten. Auf der Rückseite der Karte ist dann zu lesen, dass Otto Glatz am 1. August 1914 telefonisch auf der Zugspitze die Nachricht erhielt, sich am nächsten Vormittag beim Bezirkskommando Weilheim zu stellen.

Darauf soll er geantwortet haben „Scho recht – I kimm glei“ und machte sich sogleich auf den Weg nach Garmisch. Pünktlich war er angeblich 5 Uhr in der Früh am Bahnhof und fuhr sogleich an die Westfront, wo er am 23. August bei Luneville verwundet wurde.

Ob sich diese beiden Begebenheiten so zugetragen haben, lässt sich heute nicht mehr klären. Auf den ersten Blick wirkt das Zusammenspiel zwischen Bildmotiv und Text inszeniert und für die Propaganda aufbereitet, da man dem Betrachter vermitteln wollte, dass selbst von der Zugspitze aus die Männer ihrer Pflicht zur Verteidigung des Vaterlandes nachkamen.

Auf den zweiten Blick allerdings enthält die Geschichte dennoch einen wahren Kern. Aus den Militärakten von Otto Glatz, die noch überliefert sind, geht hervor, dass dieser am 14. November 1891 als Sohn des Maurers Ottmar Glatz und seiner Frau Anna in Garmisch geboren wurde. Nach dem Besuch der Schule wurde der junge Mann selbst Maurer. Zwischen 1911 und 1913 absolvierte er seinen Militärdienst beim 3. bayerischen Infanterie-Regiment „Prinz Karl von Bayern“ in Augsburg. Anschließend arbeitete er als Maurergehilfe.

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die Mobilmachung könnten ihn tatsächlich auf der Zugspitze überrascht haben. Schon 1911 hatte man mit einem Erweiterungs-Umbau des „Münchner Hauses“ auf dem 2962 Meter hohen Berg begonnen, der erst 1914 fertiggestellt wurde. Demnach wäre es denkbar, dass Otto Glatz dort als Maurer tätig war. Auch die weiteren Angaben auf der Postkarte stimmen überein. Der junge Garmischer wurde am 1. August 1914 zum 15. bayerischen Infanterie-Regiment „König Friedrich August von Sachsen“ eingezogen und ging als Gefreiter mit den Männern ins Feld. In seiner Akte ist auch die Verwundung vom 23. August am linken Unterarm durch eine Gewehrkugel vermerkt, allerdings wird hier Saarburg als Ort genannt.

Otto Glatz blieb vom Pech verfolgt, denn bereits am 30. Oktober wurde er erneut durch eine Gewehrkugel am rechten Oberschenkel verletzt. Schließlich erlitt er Mitte März 1916 eine Gehirnerschütterung bei Arras und musste sich außerdem wegen eines chronischen Magenkatarrhs und häufiger Brustfellentzündungen längere Zeit behandeln lassen. Anschließend erhielt er ab April 1917 eine monatliche Rente von 20 Reichsmark und wurde als „dienstuntauglich“ ausgemustert.

Nach dem Krieg kehrte Otto Glatz in seine Heimat zurück und heiratete am 17. November 1919 die Partenkirchnerin Elisabeth Zahler. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor, wobei ein Sohn schon 1915 geboren worden war. Der einstige „höchste Einberufene des Deutschen Reiches“ arbeitete fortan als Bauunternehmer und starb 63-jährig am 28. Juni 1955 in Garmisch-Partenkirchen.

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