ALI MITGUTSCH ERHÄLT DAS BUNDESVERDIENSTKREUZ – FÜR DIE REISE ZUR PARTY IM BERLINER SCHLOSS BELLEVUE IST DER 83-JÄHRIGE ZU KRANK

Der Zeichner der Wimmelbücher wird ausgezeichnet

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Vater der Wimmelbücher: Ali Mitgutsch in seiner Wohnung in Schwabing vor knapp sechs Jahren. Da ging es ihm noch besser. foto: epd

Es ist ein Jammer, dass Ali Mitgutsch seine Altbauwohnung in Schwabing kaum mehr verlassen kann.

Denn so wird der Vater der Wimmelbücher nicht dabei sein können, wenn ihm eine große Ehre zuteil wird: Der 83-jährige Bilderbuch-Autor bekommt das Bundesverdienstkreuz.

Aus seinem nahen Umfeld ist zu erfahren, dass Mitgutsch sich zurückgezogen hat, unter altersgemäßen Einschränkungen leidet, kaum noch sprechen und nicht mehr allein gehen kann. Die Reise nach Berlin zur Feier im Schloss Bellevue am Dienstag wäre zu viel für ihn. In seiner verwinkelten Altbauwohnung nahe der Universität wird Mitgutsch umsorgt von seiner Frau. An öffentliche Auftritte ist nicht mehr zu denken, die Strapazen wären zu groß. Mitgutsch wäre so gern dabei gewesen in Berlin, der gebürtige Münchner ist „außerordentlich stolz“.

Das Bundesverdienstkreuz ist fraglos verdient: Mitgutsch kämpft schon sein Leben lang mit Farbstift und Pinsel für Toleranz, Vielfalt, für eine lebens- und liebenswerte Welt. Zum Zeichnen gekommen ist er, weil er sich als Bub unsterblich in die 13-jährige Hildegard aus der Nachbarschaft verliebt. Sie anzusprechen, ihr gar einen Brief zu schreiben – undenkbar. Denn Mitgutsch ist Legastheniker, besucht die Hauptschule, ist schüchtern. Aber mit dem Zeichnen und Malen findet er seine eigene Sprache, eine Schrift ohne Buchstaben. Hildegard ist begeistert, sie geht sofort mit ihm ins Kino, als sie seine Zeichnung sieht. Und auch Millionen weiterer Herzen hat Mitgutsch erobert: Allein seine Wimmelbücher wurden weltweit acht Millionen Mal verkauft.

Ali Mitgutsch – mit vollständigem Vornamen übrigens Alfons – kommt 1935 an der Isar zur Welt, seine Kindheit ist geprägt von Bombennächten in Schutzkellern, der Evakuierung ins Allgäu, wo die Bauernbuben den Stadtjungen verprügeln, vom Tod seines älteren Bruders im Krieg – und dem Regime der Nazis. Als Mitgutsch ein Bub war, hat er erlebt, wie die Kunst des Unperfekten als „entartet“ galt und verbrannt wurde. Später hat er sich selber in seinen Bildern genau an solchen Dingen gefreut, am Unperfekten.

Als der Krieg vorüber ist, zieht die Familie zurück nach München, und Mitgutsch besteht die Aufnahmeprüfung an der Graphischen Akademie. 1959 erscheint sein erstes Kinderbuch, 1968 das erste Wimmelbuch. Die einzigartige Wimmelbuchwelt – hier ein pinkelndes Mädchen, dort prügelnde Buben und da ein hochnäsiger Städter, machte Mitgutsch über Generationen hinweg zu einem der beliebtesten Kinderbuch-Autoren. Seine Devise: „Wir leben in keiner heilen, aber in einer heilbaren Welt.“ Das hätte er sicher auch gerne persönlich dem Bundespräsidenten ans Herz gelegt. Doch die Fahrt nach Berlin ist undenkbar.

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