Die Wunschliste der Bürger

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Mehr Radlwege, aber auch ein Autobahn-Südring, innovativer Hochhausbau, aber auch attraktives Wohnen – die Wünsche von Otto Normalbürger im Großraum München sind vielfältig und nicht immer widerspruchsfrei. Erstmals hat ein Bürgergutachten die Ideen gebündelt.

GUTACHTEN FÜR DIE REGION MÜNCHEN

Von Dirk Walter

München – Martin Stockl (54) aus Erding lebt seit 30 Jahren in der Region und kennt die alltägliche Qual. Die Region leide „an einem permanenten Verkehrsinfarkt“, mehr Autoverkehr wolle keiner, aber fast keiner verzichte darauf. Autos seien eben ein „notwendiges Übel“. Zusammen mit 99 weiteren Bürgern aus der Planungsregion München, die die Landeshauptstadt und die acht Landkreise drumherum umfasst, hat sich Stockl in viertägigen Arbeitskreisen Gedanken über notwendige Änderungen bei Mobilität, Wohnen, Arbeiten und Umwelt gemacht. Der Regionale Planungsverband München (RPV) und das Institut „nexus“ hatten die Bürger nach dem Zufallsprinzip ausgewählt und sowohl auf einen angemessenen Altersquerschnitt als auch auf einen Regional- und Geschlechterproporz geachtet. Nur beim Bildungsstand ergab sich eine Überqualifikation, wie Nexus-Mitarbeiterin Christine von Blanckenburg zugab: Bürger mit Abitur und Hochschulabschluss waren überrepräsentiert. Dennoch pries der Starnberger Landrat Karl Roth (CSU), Vorsitzender des RPV, das 100-seitige Bürgergutachten bei der Präsentation in München als „etwas einmaliges“.

Das sind die wichtigsten Ergebnisse des Gutachtens:

-Wohnen: Hohe Mieten, die Spekulation mit Immobilien und die Versiegelung von Freiflächen werden als wichtigste Probleme benannt. Als Lösungsansatz schlugen die Bürger an erster Stelle innovativen Bau in die Höhe vor, Pfahlbauten zum Beispiel, die unten Platz für Parkplätze lassen, ferner als Utopie die Vernetzung von Hochhäusern durch Brücken und Dachgärten.

-Verkehr: Das größte Problem sind schlicht „zu viele Autos“, ferner fehlende S-Bahn- oder auch Bus-Querverbindungen, die die Landkreise direkt miteinander verbinden. Als dritter Makel wurden zu wenige Park-and-Ride-Plätze angesehen. Als Lösungsansatz wünschen sich die Bürger an erster Stelle mehr Fahrradwege. „Sie müssen nicht luxuriös sein, aber sicher – wozu gehört, dass sie bei Schnee geräumt und um Gefahrenpunkte und Fußgängerzonen herumgeführt werden“, heißt es im Bürgergutachten.

Eine große Minderheit wünscht sich allerdings auch eine umstrittene Querverbindung für Autos: den Autobahn-Südring, der die Lindauer mit der Salzburger Autobahn im Süden verbinden würde. Er wurde in der Rubrik „Empfehlungen für den Autoverkehr“ an vierter Stelle hinter „weniger Autos in der Stadt“, Carsharing und „intelligente Verkehrssteuerung“ genannt. Problem: Weil die Gemeinden im Süden das vehement ablehnen und der Kosten-Nutzen-Faktor viel zu gering ist, ist die Autobahnschneise allerdings nicht mehr als eine Vision – nicht einmal im gerade beschlossenen Bundesverkehrswegeplan ist sie als Vorschlag enthalten.

-Wirtschaft: Typische Dienstleister wie zum Beispiel Friseure werden aus den Städten verdrängt, weil sie bei den Gewerbemieten nicht mithalten können, lautet eine Klage im Bürgergutachten. Branchenvielfalt, Nahversorgung, ein Mix aus innovativen und traditionellen Unternehmen – das sind weitere Punkte auf der Wunschliste. Weitere Gewerbeflächen wurden von den meisten Teilnehmern begrüßt, weil sie kurze Wege zur Arbeit bedeuten und die Verkehrsbelastung reduzieren.

Das Bürgergutachten soll nun nicht einfach versanden. Es werde in die Neufassung des Regionalplans einfließen, versprach Landrat Roth.

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