Wölfe zwischen Reit im Winkl und Inntal? Erste Forderung nach Abschuss wird laut

  • Michael Weiser
    vonMichael Weiser
    schließen

Der Wolf ist da. Zumindest in den Gedanken von Almbauern, Naturschützern und Lokalpolitikern in der Region. Und nun auch im Maßnahmenkatalog des Landesamtes für Umwelt in Augsburg. Es soll Geld geben. Aber hilft das wirklich? Es gibt erste Aussagen Betroffener, die nach "Abschuss" klingen.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Das bayerische Landesamt für Umwelt geht von einem "großen Beutegreifer" in der Region aus.
  • Maßnahmen zum Herdenschutz in der Region sollen gefördert werden.
  • Verdacht, dass mehrere Wölfe bei zwischen Reit im Winkl und Kufstein unterwegs sind.
  • Almbauern stellen Schutzstatus des Wolfs in Frage. Bund Naturschutz warnt vor Abschuss.

Rosenheim - Aus Augsburg kam am Montagabend die Nachricht, dass man von mittlerweile sechs gerissenen Tieren im bayerischen Grenzgebiet zu Österreich (Landkreise Rosenheim und Traunstein) ausgehe und einen so genannten „großen Beutegreifer“ nicht mehr als Täter ausschließen könne.

Außerdem reagiert die Behörde mit der Ausweitung der Förderung für Herdenschutz: Im Landkreis Rosenheim können auf dem Gebiet der Gemeinden Samerberg, Frasdorf und Aschau im Chiemgau Hilfen für Zäune und Herdenschutzhunde beantragt werden.

Auch Samerberg und Reit im Winkl Fördergebiet

Im Landkreis Traunstein wird die Herdenschutz-Förderung neben Reit im Winkl auch Nutztierhaltern in den Gemeinden Schleching, Marquartstein, Unterwössen, Ruhpolding, Staudach-Egerndach und Bergen gewährt. Reit im Winkls Bürgermeister begrüßt den Ansatz grundsätzlich. „Es ist dem Frieden dienlicher, vorher den Schutz der Herden zu fördern, als hinterher Schadensersatz zu zahlen“, sagt Matthias Schlechter.

Viele Almbauern aber sind skeptisch. „Man kann Wolfsschutz machen, wo er gegeben ist“, sagt Brigitta Regauer aus Hagenberg, die Wolfsbeauftragte des Almwirtschaftlichen Vereins. „Wenn ich ihn nur halbscharig mache, hilft er nichts. Und es gibt Gelände, da geht’s nicht.“

Seit längerem im Grenzgebiet aktiv

Nach Berichten über Wolfssichtungen im Gebiet der Hochries waren in Kössen in Tirol und in Walchsee nahe Kufstein Tiere gerissen worden, schließlich in Reit im Winkl. Franz Mühlberger, Bezirksalmbauer aus Reit im Winkl, weiß von mittlerweile acht Schafen, die gerissen wurden, dazu „mehrere Stück Rotwild“.

Lesen Sie auch:

Beweis per Fotofall: Wolf in oberbayerischem Wald gesichtet

Die österreichischen Behörden hatten sich schon früh festgelegt. „Aufgrund des Rissbildes ergibt sich ein konkreter Wolfsverdacht“, hatte Martin Janovsky, der Wolfsbeauftragte des Landes Tirol, bereits vor vier Tagen gesagt.

Nun soll die Gen-Analyse Klarheit bringen

Am Montag (29. Juni) zog das Landesamt in Augsburg nach. „Aktuell kann ein Wolf“, so schreibt das Landesamt, „als Verursacher in diesen Fällen nicht ausgeschlossen werden.“ Die Behörde will die Angelegenheit in den nächsten Wochen untersuchen, weitere Erkenntnisse soll die Analyse der genetischen Spuren am nationalen Referenzlabor bringen.

Lesen Sie auch: Dass ein Wolf bei uns unterwegs ist, bleibt wahrscheinlich

Die meisten Almbauern und viele Jäger sind sich jetzt schon sicher. „Zwei, vielleicht sogar drei Wölfe“ seien es, sagt Franz Mühlberger, diesen Schluss legten Entfernung und zeitliche Nähe der verschiedenden „Tatorte“ nahe.

Auch Franz Sommer, Vorsitzender der Rosenheimer Jäger, sagte den OVB-Heimatzeitungen: „Mit Sicherheit mindestens ein Wolf.“

Wolf und Alm - passt das in der Region Rosenheim?

Vor allem die Almbauern bleiben dabei: Wolf und Almwirtschaft, das verträgt sich nicht. Klar, der Staat will zahlen. Aber ist das Geld gut investiert? „Es gibt kein Patentrezept für alle Almen“, sagt Franz Mühlberger, „und den Kostenaufwand für einen Zaun, den kann man sich gar nicht vorstellen.“

Ähnlich skeptisch sieht er die Lösung mit einem Herdenschutzhund. Ein gut ausgebilderter Hund ist teuer, und Bergtouristen müssten einen weiten Bogen um ihn machen - ähnlich wie in der Schweiz, wo der Bergfex extra Karten im Internet studieren kann.

"Der Wolf braucht den hohen Schutzstatus nicht mehr"

Mühlberger kennt noch einen weiteren Grund. „Wenn ich mir solche Hunde anschaffen würde? In einer oberbayerischen Fremdenverkehrsgemeinde wie Reit im Winkl hätten die Nachbarn keine Gäste mehr und ich keine Freunde mehr“, sagt er.

Sein Fazit: „Der Wolf braucht den hohen Schutzstatus nicht mehr, er ist nicht mehr vom Aussterben bedroht.“ Brigitta Regauer wäre die sanfte Lösung am liebsten: „Am besten wär’s, er zieht weiter.“

Der Mensch muss noch ein bisschen weiter denken

Der Wolf, hat er keinen Platz in der Region? Der Meinung ist nun Ursula Fees vom Bund Naturschutz nicht. „Ich sehe aber die Probleme der Almbauer, und eine wirkliche Lösung ist schwierig.“

Und ein mehrfacher tödlicher Angriff wie in Reit im Winkl nimmt auch sie mit. „Das sind schon extreme Erlebnisse, mir tun die Bauern leid.“ Im Abschießen aber sollte die Lösung nicht bestehen. Das intelligenteste Wesen der Welt müsste weiter denken können, findet sie. „Da brauchen alle Seiten Hirnschmalz.“

Infos zu Förderung und Schadensersatz

Nutztierhalter, deren Weiden innerhalb der Kulisse liegen, können sich Herdenschutzmaßnahmen fördern lassen. Anträge können ab sofort bei den zuständigen Ämtern für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) gestellt werden. Alle Informationen zu Fördermöglichkeiten und Anträgen finden Sie hier.

Schäden, die Nutztierhaltern durch Wolfsrisse entstehen, werden durch den Ausgleichsfonds Große Beutegreifer umfassend ausgeglichen. Für weitere Informationen zum Ausgleichsfonds klicken Sie bitte hier.

 

Rubriklistenbild: © dpa

Kommentare