Die Wittelsbacher – eine Jahrtausend-Saga

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Ganz schön viele: Der Bildband „Die Wittelsbacher“ enthält als Beigabe auch einen Stammbaum mit Schwerpunkt männliche Erbfolge, der total verzweigt ist. Wir zeigen hier mal einen Ausschnitt.

Die Wittelsbacher. Das Buch. Oder besser: das Werk. 1000 Jahre Familiengeschichte in einem neuen, 4,5 Kilo schweren Bildband. So hat man Bayerns Dynastie noch nicht gesehen.

Die Wittelsbacher. Das Buch. Oder besser: das Werk. 1000 Jahre Familiengeschichte in einem neuen, 4,5 Kilo schweren Bildband. So hat man Bayerns Dynastie noch nicht gesehen.

von dirk walter

Bayern ohne Wittelsbach, das wäre wie ... – ja wie? Wie CSU ohne Franz Josef Strauß, wie FC Bayern ohne Beckenbauer oder München ohne Marienplatz. Einfach undenkbar. Seltsamerweise gab es bisher keine Neuerscheinungen zu Bayerns Herzögen und Königen, die das Haus Wittelsbach herausgegeben hätte. Bis jetzt. Nun aber ist es da: die Wittelsbacher. Das Buch. Nein, kein Buch – ein Werk: Kiloschwer, steht es wie ein Fels in der Flut all der schönen Neuerscheinungen, in denen sich Heerscharen von Autoren an den Wittelsbachern, den bayerischen Königen vor allem, abarbeiten.

Schöpfer dieser neuen Wittelsbacher-Saga ist Luitpold von Bayern, der Kaltenberger Bierbrauer und gewiefte Marketingstratege. Bevor er einen Historiker beauftragte, der dann ein gewiss gelehrtes Werk mit allerlei Hofknicksen vor dem Herrschergeschlecht verfertigt hätte, setzte sich Luitpold lieber selber hin und stöberte in der Familiengeschichte. Mehrere Jahre lang. Als engen Berater zog er nur den glühendsten Ludwig-Verehrer heran, den Bayern je gesehen hat: den Freisinger Hannes Heindl vom König-Ludwig-Club, ein bisserl chaotischer, aber genialer Autodidakt, ohne den die entlegenen Bilder wohl nicht gefunden worden wären.

„Die Wittelsbacher“ ist kein Geschichtsbuch im eigentlichen Sinn, eher eine Bildergeschichte, deren Herstellung den wagemutigen Münchner Verleger Michael Volk und sein Team mehr als einmal schier zur Verzweiflung trieb – so aufwändig war die drucktechnische Aufbereitung dieses Bildbands. Es ist ein Streifzug durch ein Jahrtausend. Graf Otto, der anno 1180 vom Pfalzgraben zum Herzog befördert wurde, steht dank einer hübschen Überlieferung (Tafelbild des Scheyerner Fürstenzyklus) ganz am Anfang der Wittelsbacher Ahnengalerie. Und ganz am Ende thront Herzog Franz von Bayern, 81, amtierender Chef des Hauses Wittelsbach – sozusagen ein König ohne Königreich (da kam 1918 die Revolution dazwischen). Eigentlich sollte das Buch pünktlich zu seinem 80. Geburtstag erscheinen. Doch das, seufzt Luitpold, war wegen der Fülle der Materialien nicht zu machen.

Es ist ja so: Je tiefer man gräbt, desto mehr findet man – zumal bei einem Herrschergeschlecht, das 738 Jahre lang Bayern regierte, 112 davon als Könige. Zwei Wittelsbacher waren mal Kaiser, ein dritter trug die Königskrone im Heiligen Römischen Reich. Es gab Wittelsbacher in Spanien, in Skandinavien, es gab seltsame Nebenlinien wie die von „Zweibrücken-Birkenfeld-Gelnhausen“, nicht zu verwechseln mit der „Pfalz-Zweibrücken-Kleeburg“, es gab Wittelsbacher als Fürstbischöfe (von Münster und Paderborn) und auch regierte deutsche Gebiete weitab von Bayern: Pfalz und Kur-Köln zum Beispiel. Es wimmelt von gewichtigen Beinamen – Ludwig der Strenge, der Gebartete, der Starke – halt, nein, der hieß Christoph. Den hübschesten Beinamen hatte wohl Kurfürst Maximilian III. Joseph – der „Vielgeliebte“, der seltsamerweise ohne männliche Stammhalter blieb. Wer blickt da noch durch?

Und deshalb wird das Wittelsbacher-Werk durch einen neu gezeichneten Stammbaum ergänzt, der die lebenden Mitglieder des Hauses durch ein grünes Eichenblatt kennzeichnet. Das ist hübsch geworden.

Zwischen der Bilderflut, die sich über den Betrachter ergießt, ragen neue Funde heraus. Ein imposantes Bild, Prinzregent Luitpold von Bayern zu Pferd in rasantem Galopp, gemalt 1911 von einem Jacobus Leisten, liegt dem Haus Wittelsbach nur digital vor – als Bilddatei, weil es vor gut zehn Jahren im jährlichen hauseigenen Kalender abgedruckt wurde. „Nun konnten wir es nicht mehr ausfindig machen“, sagt Luitpold. Niemand wisse, wo das Bild geblieben ist. Hier also der Fahndungsaufruf: Wo ist das Bild?

Ein anderer schöner Fund: Der feierliche Einzug der Prinzessin Violante von Bayern auf der Piazza von Siena in der Toskana. Das war im Jahr 1717 – und seitdem gibt es dort die berühmten Pferderennen. Oder, ein Blick auf die Pfälzer Linien, das Aquarell von Schloss Karlsberg bei Homburg, im 18. Jahrhundert die größte Schlossanlage Europas, vollgestopft mit Kunstschätzen, die dann vor den französischen Revolutionstruppen eiligst gen Bayern geschafft wurden. Die Kunst gerettet, das Schloss – ein Trümmermeer.

Einer darf natürlich nicht fehlen: Ludwig II., der Märchenkönig. Im Bildband ist er auf Normalmaß zurechtgestutzt, beansprucht nicht mehr Seiten als all die anderen Herzöge und Könige. Es zeichnet das Buch aus, dass es nicht die hinlänglich bekannten Piloty-Gemälde versammelt, sondern Unbekanntes zeigt, etwa die Übergabe der Kaiserkrone an König Wilhelm I. 1871 (die Szene hat so nie stattgefunden). Bayern in seiner tiefsten Stunde sozusagen, verewigt in der Kaiserpfalz von Goslar.

Ein besonderer Reiz des Buches ist, dass Luitpold sein Familienalbum geöffnet hat und Privatfotos freigab. Da sitzt Kronprinz Rupprecht in den 1950er-Jahren im Kreise seiner Geschwister, etwas verschroben die Runde, aber irgendwie auch sympathisch. Oder die Familie Leopolds („Poldi“) von Bayern, aufgenommen bei einer Hochzeit, mit zwei kleinen Prinzen in Fantasieuniformen.

Eine Frage darf nicht unbeantwortet bleiben: Wie wird es mit den Wittelsbachern weitergehen? 43 Mitglieder zählt der engere Kreis, das Haus ist also nicht sehr groß, wenngleich über den Wittelsbacher Ausgleichsfonds wohl für alle Zeiten finanziell üppigst ausgestattet (ein Detail, über das der Bildband natürlich keine Auskunft gibt). Die jüngste, Prinzessin Alva von Bayern, ist erst 2010 geboren. Nachwuchs gibt’s also, und auch die Erbfolge ist geregelt. Nach Herzog Franz wird sein Bruder Max – der vom Tegernsee – das Haus führen. Danach fiele diese Aufgabe Luitpold zu.

Der künftige Chef des Hauses nennt sein Buch eine „bunte Blumenwiese“ und fügt bescheiden an: „Ich hoffe, es gefällt.“

Gewiss, antworten wir, es gefällt. Sehr sogar.

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