„Wir brauchen mehr blühende Inseln“

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Interview zum Bienensterben . München – Bayerns Bienen leiden, weil es zu wenig blühende Wiesen gibt.

Andreas Fleischmann von der Botanischen Staatssammlung München, der gestern Abend mit Experten und Politikern beim Bayerischen Imkergespräch in Starnberg diskutierte, warnt vor den Folgen des Insektensterbens – und fordert weitere Anreize für Landwirte, die blühende Inseln schaffen. Auch jeder Gartenbesitzer könne seinen Beitrag leisten.

-Herr Fleischmann, Imkern liegt in Bayern im Trend. Geht es bergauf mit dem Bienenbestand?

Wir haben zwar rund 300 000 Bienenvölker in Bayern, aber das sind ausschließlich Honigbienen. Und das ist nur eine von 515 Bienenarten, die im Freistaat vorkommen. Die meisten davon sind Wildbienen – um die kümmert sich kein Imker und die liefern auch keinen Honig, aber sie sind für die Bestäubung der Pflanzen extrem wichtig.

-Und da sieht es weniger gut aus?

Da geht es den Bienen nicht anders als anderen Insekten: Von den Roten Listen wissen wir, dass viele Arten bedroht sind. Der Rückgang ist drastisch. Allerdings gibt es wenige langfristige Studien zu diesem Thema. Die viel diskutierte „Krefelder Studie“ hat zum Beispiel einen Rückgang der Biomasse von fliegenden Insekten um 70 Prozent in den vergangenen 27 Jahren festgestellt. Diese Zahl ist besonders erschreckend, weil die Proben nur in an sich intakten Naturschutzgebieten genommen wurden und zudem noch nicht mal die kriechenden Insekten erfasst wurden. Der Gesamtrückgang an Insekten dürfte also noch drastischer sein. Für Bayern gibt es solche genaue Zahlen bislang nicht, aber auch hier kann jeder den Insektenrückgang in der Natur selbst feststellen.

-Die Krefelder Studie wird besonders vom Bauernverband kritisiert.

Da heißt es, die Zeitschrift sei nicht gut genug, das sei eine Studie von Hobby-Forschern oder die Statistiken würden nicht stimmen. Absoluter Blödsinn. Davon fühle ich mich als Wissenschaftler persönlich angegriffen. Unter den Autoren ist etwa mit Dave Goulson einer der weltweit angesehensten Insektenspezialisten. Ja, die Daten wurden von fachkundigen Laien zusammengetragen. Aber das zu kritisieren, ist ja wie wenn jemand sagt: Ich fahre keinen BMW, weil der nicht von den Ingenieuren selbst zusammengeschraubt wurde. Wer die Studie so angreift, hat sie entweder nicht richtig gelesen – oder will sie nicht richtig lesen.

-Woran liegt es also, dass es immer weniger Wildbienen gibt?

Oft wird der Klimawandel angeführt – aber die meisten Insekten, darunter auch die Bienen, sind wärmeliebende Tiere und sollten deshalb eher mehr werden, wenn es wärmer wird. Die Hauptursachen sind vom Menschen gemacht. Und so leid mir das tut, sie liegen vor allem in der industrialisierten Landwirtschaft. Denn von großflächigen Mais-Monokulturen haben die Bienen nichts – und der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln tut das Übrige. Aber ich möchte betonen: Es liegt nicht an den Kleinbauern. Die Landwirte sind eigentlich die Bewahrer unserer Insekten, denn blühende Wiesen sind vom Menschen geschaffene Kulturlandschaften. Sie dürfen nur nicht alle verschwinden.

-Wie lässt sich gegensteuern?

Man müsste wieder kleinräumigere und vielseitigere Strukturen in der Landschaft schaffen, auch wenn das aufwendiger zu bewirtschaften ist. Die Politik sollte kleinere Betriebe, die Streu- und Blumenwiesen pflegen und nicht auf Silage mähen, noch gezielter subventionieren.

-Drohen uns sonst Zustände wie in China, wo Obstplantagen bereits per Hand bestäubt werden?

In China wird per Hand bestäubt, die Japaner haben kleine Drohnen dafür entwickelt – das klappt jedoch hinten und vorne nicht. Aber auch bei uns sind die Folgen sichtbar: Viele Obstbauern haben schon massive Einbrüche. Wenn wir nicht gegensteuern, fliegt uns der Laden um die Ohren. Ganze Ökosysteme werden zusammenbrechen, weil grundlegende Ökosystemdienstleistungen wie Bestäubung und Nahrungsketten nicht mehr funktionieren. Das gilt auch für die Landwirtschaft, denn auch ein Weinberg oder ein Weizenfeld ist letztlich nichts anderes als ein von Menschen geschaffenes Ökosystem. So ein System ist wie ein fein verknüpftes Netz. Je mehr Maschen wir haben, desto stabiler ist das Netz. Mit jeder Art fällt uns eine Masche weg. Und ein loses Netz kann Veränderungen wie den Klimawandel oder bestimmte Krankheitserreger nicht mehr auffangen.

-Und was kann jeder Einzelne tun?

Egal ob im Garten oder auf dem Balkon: mehr heimische Pflanzen pflanzen! Blühflächen anlegen. Im Garten mal ein paar Quadratmeter Blumenwiese stehen lassen. Das bewirkt einiges. Auf unsere Naturschutzgebiete alleine dürfen wir uns nicht verlassen. Wir bräuchten viel mehr blühende Inseln dazwischen, damit wieder ein Austausch stattfindet. Denn nur auf die Landwirtschaft zu schimpfen und dann am Abend den Rasenmähroboter einzuschalten – das ist zu kurz gegriffen.

Interview: Dominik Göttler

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