Winterlicher Warnruf

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An dieser Stelle schreibt jeden Samstagunser Turmschreiber

Heimatkolumne

„Friazi“ hat einmal eines kalten Tags der Bayerische Rundfunk seine Hörer begrüßt. Der Sprecher hatte das Wort vom schweizerischen „Grüazi“ abgeleitet und fragte also, wie wir mit der Kälte zurechtkämen: Friert’s Sie?

Auch der Schwager hatte, und das schon als Erstklassler, hinsichtlich gesunkener Temperaturen etwas Wichtiges zu sagen gewusst, nämlich: „Zieht euch warm an, denn die Kälte greift den Darm an!“

Wer dieses nützliche Kurzpoem als erster ausgesprochen hat, lässt sich leider nicht mehr feststellen. Jedenfalls: Goethe, Schiller, Lenau waren es wohl nicht, eher schon ein Hinterhof-Barde. Nachdem er (wahrscheinlich) die Zeile „Zieht euch warm an“ zu Papier gebracht hatte, galt es nun auf „warm an“ einen Reim zu finden. Lange wird unser Poet im (kalten?) Zimmer auf- und abgeschritten sein, bis ihm (möglicherweise) folgende Erleuchtung gekommen war: „Zieht euch warm an, denn sonst zeigt euch der Schandarm an!“

Die Euphorie über diesen zugegebenermaßen überraschenden Einfall wird indes nicht lange angehalten haben. Ein Riesenschmarrn ist das, wird er sich gesagt haben, nein, das kannst du so nicht stehen lassen. Er war also, und das muss man ihm hoch anrechnen, im Gegensatz zu vielen modernen Gegenwarts-Dichtern, durchaus fähig zur Eigenkritik.

Und wieder sehen wir ihn, Reimwörter murmelnd, auf und abschreiten, bis er vom Schandarm einfach Schan wegließ und bloß noch der Darm übrigblieb. Der Rest „Darm an“ ergab sich dann wie von selber.

Hatte man sich vordem ziemlich einfallslos mit einem „heit is aber koit, gell“, oder „so saukoit wars gestern no net“ bequatscht, so erschallte nun plötzlich dieser neue einprägsame Warnruf. Konnte sich doch jeder lebhaft vorstellen, was passieren würde, wenn die Kälte nicht nur nach Fingern, Füßen, Ohrwaschln und Nasenspitzln, sondern auch noch nach dem Innersten griffe, eben nach dem Darm. Also zog man sich lieber gleich warm an.

Natürlich hat der Schwager den von kleinauf vertrauten Vers in den letzten Tagen wieder fleißig unters Volk gestreut. Viele Bildungsbürger kannten ihn bereits, die andern, denen er fremd war, schnappten ihn begierig auf. Und werden ihn wohl auch nie mehr vergessen: denn seine klassisch schlichte Schönheit prägt sich unverlierbar ein!

Maßgeschneidert

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