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Der Schnee schmilzt

Winter immer kürzer: Ein Hüttenwirt am Spitzingsee macht sich Sorgen

Brüchiges Eis: Tauwetter am Spitzingsee.
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Brüchiges Eis: Tauwetter am Spitzingsee.
  • Kathrin Braun
    VonKathrin Braun
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In Bayerns Alpen schmilzt der Schnee. Nicht nur jetzt zu Beginn des Frühlings. Die Wintersaisons werden generell immer kürzer. An der Albert-Link-Hütte am Spitzingsee kann man das in den letzten Jahren genau beobachten: Auf 1053 Metern wird der Klimawandel immer greifbarer. Wir waren dort.

Schliersee  Die Winterjacke braucht Uwe Gruber nicht mehr. Der 59-jährige Wirt sitzt in einem leichten Pulli auf einer Holzbank vor der Albert-Link-Hütte, die Sonne blendet, es duftet nach geschmolzenem Bergkäse. Hinter dem Haus rutschen Kinder mit bunten Schlitten den Hügel hinab. Alles ist weiß. Zumindest auf den ersten Blick. „Da hinten, da schaut schon das Gras hervor. Und auch um die Baumstämme im Wald sieht es braun aus“, sagt Gruber und zeigt in die Ferne. Der Schnee schmilzt in den Schlierseer Bergen – schneller und früher, als es eigentlich normal wäre.

„Früher hätte es im März anders ausgeschaut“

„Früher hätte es Anfang März noch nicht so ausgeschaut“, sagt Gruber. Seit 20 Jahren ist er Hüttenwirt im Spitzingseegebiet. Auf 1053 Meter Höhe soll es hier, so sagt man, den besten Kaiserschmarrn in der Umgebung geben – und genug Platz zum Rodeln, Schneeschuhwandern und Langlaufen. Uwe Gruber blickt zu den Kindern auf dem Hügel und lacht. „Als ich hier angefangen hab’, hätte es hier noch einen Riesenärger gegeben“, sagt er. „So, wie die Kids da über die Pisten rodeln, hätten sie all die Langläufer gestört. Kostet ja viel Geld, so eine Loipe herzurichten.“ Jetzt sei alles ein bisschen entspannter. Die Albert-Link-Hütte ist schon lange kein Ort mehr für disziplinierte Alpinsportler: Vor Jahrzehnten gab es hier sogar eine Skisprungschanze für Wettbewerbe. Heute steht die Hütte vielmehr auf einer Spielwiese – ein Rodeleck für Familienspaß im Sonnenschein.

Nur hin und wieder fährt mal ein einzelner Langläufer an der Hütte vorbei. Früher kamen mehr Wintersportler, sagt Gruber. Er schaut sich unter seinen Gästen um. „Das sind alles Münchner, hauptsächlich Familien, die spontan die Sonne genießen wollen. Wer aber nach viel Schnee sucht, wird sagen: Spitzing ist nicht mehr das, was wir wollen. Da muss man halt höher hinaus.“

Eigentlich kann man die Albert-Link-Hütte nur zu Fuß erreichen: 15 Minuten sind es von der Spitzingsee Kirche. In Ausnahmefällen macht Gruber auch mal die Schranke für Autos auf. „Sie brauchen Schneeketten oder Allrad“, warnt er dann. Nur aus Gewohnheit. Brauchen tut man das schon seit Wochen nicht mehr. „Es gab Zeiten, da konnte man im Winter nur durch meterhohe Schneetunnels hier herkommen“, erzählt er. „Ich trau mich mal zu sagen, dass man hier den Klimawandel spüren kann – auch wenn ich keine Aufzeichnungen oder Diagramme über die Schneemengen habe.“

Länger warm: „November ist der neue Oktober“

Dabei ist das Kassenbuch der Albert-Link-Hütte ein ähnlich gutes Instrument. „Wenn man durch die Seiten der letzten Jahre blättert, sieht man: Der November ist der neue Oktober.“ Normalerweise sei immer im Oktober der letzte Ansturm an Wanderern und Mountainbikern gekommen. Im November blieb dann die Hütte geschlossen. Jetzt kündigten die Radiosender auch noch im November an fast jedem Wochenende die letzten Sonnenstrahlen des Jahres an. Dann ist richtig viel los, sagt Gruber. Deshalb macht die Hütte mittlerweile im Dezember Pause. „Da ist das Wetter ohnehin greislich, es regnet schrecklich, und der Schnee ist sulzig.“

Die Wintersaison werde immer kürzer und kürzer. Viele Gruppen, die sonst jedes Jahr an Weihnachten zur Albert-Link-Hütte gefahren sind, machen das jetzt nicht mehr. Weil sich die Leute nicht mehr sicher sind, ob sie hier über die Feiertage Schnee haben. Vor 20 Jahren habe die Wintersaison 40 Prozent des Jahresumsatzes ausgemacht. Jetzt komme Gruber „mit viel Mühe“ auf 20 Prozent. Eher weniger.

Das macht dem Wirt aber nichts. Die Saisons hätten sich zwar verschoben, aber ab Mitte Januar könne man sich trotzdem noch auf den Schnee verlassen. „Der Schnee kommt zwar später und in kleineren Mengen. Aber trotzdem hatten wir genug zum Rodeln und Skifahren, und da braucht man sich doch nicht zu beschweren.“ Wichtig sei nur, dass die Sonne scheint.

Vergangenheit: Bis zum Dach im Schnee

Dann verschwindet Gruber in der Hütte und kramt ein paar alte Bilder hervor. Darauf sieht man die Albert-Link-Hütte im Winter 2006. Sie steckt bis zum Dach im Schnee. Die Fenster im Erdgeschoss sind nicht mehr zu sehen, und auch die meterhohen Laternen vor dem Haus sind fast vollständig begraben. „Ich habe noch genau im Kopf, wie unser Koch damals neben den Schneewänden stand und den Ofen ausschaufelte“, erinnert sich Gruber. „Und solche Bilder hat man jetzt ganz selten.“

Bald wird Gruber 60. Bis zu seiner Rente ist es nicht mehr lang. Dann braucht das Haus einen Nachfolger. Gruber macht sich keine Sorgen um die künftigen Winter an der Albert-Link-Hütte. „Es ist ja nicht so, als ob der Schnee plötzlich verschwindet.“ Er deutet in die Richtung der Familien, die mit ihren Kindern im Schnee spielen. „Es sieht doch immer noch nach Winter aus, oder? Die jungen Eltern hier werden bestimmt noch mit ihren Enkelkindern eine Mordsgaudi haben.“ Auch wenn immer weniger Schnee liegen bleibt: Solange die Kinder noch Spaß am Rodeln hätten, sei alles gut.

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