Der Ruf der Wildnis

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Vor 40 Jahren wurde Bayerns erster und einziger Alpennationalpark gegründet. Nach erbitterten Widerständen hat sich der Nationalpark Berchtesgaden heute als Refugium der Wildnis und als Touristenmagnet etabliert. Trotz Borkenkäfer und einer vermeintlichen Bären-Sichtung.

40 Jahre Nationalpark Berchtesgaden

von Dominik Göttler

Ramsau – Roland Baier steht auf einem Forstweg im idyllischen Klausbachtal, tief im Nationalpark Berchtesgaden, und zeigt auf einen morschen Baumstamm am Wegrand. „Diese Fichte hat der Orkan Wiebke vor 28 Jahren geworfen.“ Baier, seit einem Jahr Leiter des Parks, greift in das Totholz, reißt eine Handvoll heraus und drückt das Stück aus wie einen nassen Schwamm. „Die Bäume recyceln sich selbst“, sagt Baier. Mitten durch den zerfallenen Stamm wächst ein Trieb, eine kleine Fichte. Der Kreislauf beginnt von vorne. Im Totholz entsteht neues Leben.

Das ist die Idee, die hinter dem Nationalpark Berchtesgaden steht: Die Natur Natur sein lassen. Vor 40 Jahren wurde der Nationalpark gegründet. Bis heute ist es der einzige in den deutschen Alpen. Schützen, forschen und den Menschen Raum für Erholung bieten – das ist heute wie damals die Maxime. „Unser Nationalpark ist eines der großen Flaggschiffe für den Naturschutz und ein Besuchermagnet schlechthin“, sagt Umweltminister Marcel Huber (CSU), der morgen an einem Festakt zum Geburtstag des Parks teilnimmt. Er würdigt den 210 Quadratkilometer großen Park als „Juwel für Naturliebhaber und zugleich Wirtschafts- und Jobmotor für die ganze Region.“

Nicht immer fand die Politik so wohlwollende Worte für den Nationalpark. Keiner weiß das besser als Hubert Zierl. Er war der erste Leiter des Nationalparks Berchtesgaden und hat sich an diesem Tag Zeit genommen, um mit Roland Baier durch den Park zu wandern und über dessen Entwicklung zu sprechen. Zierl hatte in seiner Anfangszeit mit so manchen Widerständen zu kämpfen. Zum Beispiel mit einem gewissen Umweltminister namens Peter Gauweiler (CSU), der mit dem Borkenkäfer auf Kriegsfuß stand. „Für viele war es damals ungeheuerlich, auch dem Borkenkäfer ein Lebensrecht zu geben“, sagt Zierl und schmunzelt in seinen ergrauten Bart. Heute sehen sich Zierl und Baier bestätigt – schließlich stehe der Bergwald besser da denn je, obwohl der Käfer hier und da am Bestand nagt.

Aber nicht nur Mitglieder der Staatsregierung beobachteten damals mit einer gewissen Skepsis, was die Naturschützer da am Fuße des Watzmanns trieben. Auch die lokale Bevölkerung konnte sich anfangs nur schwer damit anfreunden, dass rund zwei Drittel der Nationalparkwälder nicht mehr forstlich genutzt werden durften und zudem auch noch die Jagd eingeschränkt wurde – Vorbehalte, die auch in den aktuellen Debatten um einen dritten Nationalpark in Bayern immer wieder aufkamen, bis Ministerpräsident Markus Söder (CSU) die Planungen vom Tisch räumte.

Als sich in den Anfangsjahren ein Ortsansässiger für eine Stelle im Nationalpark Berchtesgaden bewarb, musste Zierl ihm hoch und heilig versprechen, niemandem davon zu erzählen. Die Furcht war groß, im Ort sofort als Aussätziger behandelt zu werden. Auch die befürchtete Rückkehr wilder Tiere wie Bär, Wolf und Luchs war einigen Anwohnern nicht geheuer. Und tatsächlich sorgte eine angebliche Bären-Sichtung 1994 im Wimbachtal für Unruhe. Doch als Touristen den vermeintlichen Braunbären später dabei beobachteten, wie er im Gebüsch seine Maske abnahm, stellte sich heraus, dass es sich um zwei Berliner Theaterschüler handelte, die die Welt aus der Sicht eines Bären erleben wollten.

Mittlerweile hat sich die Stimmung gewandelt, sagt Roland Baier. Im September soll eine Studie zur Akzeptanz des Parks bei der Bevölkerung vorgestellt werden. „Die Gespräche im Vorfeld zeigen mir, dass sich hier viel getan hat“, sagt Baier, der selbst vor den Toren des zweiten bayerischen Nationalparks im Bayerischen Wald aufgewachsen ist.

Überhaupt hat sich im Park einiges verändert, seit der Nationalpark-Beirat 1979 zu seiner ersten konstituierenden Sitzung mit Schildkrötensuppe auf der Speisekarte zusammentraf. Mittlerweile verzeichnet der Nationalpark 102 Mitarbeiter und rund 1,6 Millionen Besucher im Jahr, die auf 230 Kilometern markierter Wanderwege durch die Alpenlandschaft stapfen – mitunter beobachtet von Murmeltieren, Steinböcken und Steinadlern.

„Die Sehnsucht nach Wildnis ist ein Riesenthema für uns“, sagt Baier. Und damit meint er nicht die chinesischen Touristen, die an sonnigen Tagen busweise am Königssee landen, im Biergarten in St. Bartholomä eine Schweinshaxe filetieren, danach noch eine Dose original Murmeltierfett in Apothekerqualität kaufen und weiter nach Neuschwanstein hasten. Er meint diejenigen, die mit Wanderschuhen oder auf dem Rad Bergluft schnuppern wollen und die Gipfel rund um den Watzmann stürmen. Einerseits freut sich Baier darüber, dass die Wildnis wieder im Trend ist. Andererseits bringt der Freizeitdruck auch das ein oder andere Problem mit sich: Illegales Campieren, querfeldein fahrende E-Biker, unerlaubte Drohnenflüge und einige Unbelehrbare, die ihren Müll einfach liegen lassen, sind derzeit die häufigsten Fälle von Verstößen gegen die Nationalparkordnung. Baier will auch deshalb in Zukunft den Fokus noch mehr auf die Umweltbildung legen.

Sein Vorvorgänger Hubert Zierl sieht den Nationalpark, den er noch heute regelmäßig durchwandert, aber auf einem guten Weg. Kurz vor seiner Pensionierung erschien in der örtlichen Lokalzeitung ein Beitrag, in dem nach Jahren der kritischen Berichterstattung zum ersten Mal von „unserem Nationalpark“ die Rede war. Da lehnte sich Zierl zurück und dachte: „Jetzt müsste es doch geschafft sein.“

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