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Lieferengpässe

„Wie ein Domino-Effekt“ - Warum immer mehr Produkte knapp und teuer sind

Viele Automodelle sind derzeit nur schwer zu bekommen. Das Foto zeigt die Montage eines BMW i3.
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Viele Automodelle sind derzeit nur schwer zu bekommen. Das Foto zeigt die Montage eines BMW i3.
  • VonAndreas Höß
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Für viele Konsumenten hat sich die Welt rasant verändert. Wo vor zwei Jahren noch Überfluss herrschte, werden heute Liefertermine gerissen, Preise erhöht und Bestellungen von Händlern kurzerhand storniert. Die Knappheit betrifft fast alle Bereiche. Überall wird verteuert, vertröstet, abgesagt. Ist eine Besserung bald in Sicht?

München – Für Georg Baier (Name geändert) ist es nur eines von vielen Problemen, aber ein wichtiges. Baier baut gerade im Münchner Norden ein Haus und so ein Eigenheim braucht natürlich eine Küche. Schon vor einem halben Jahr hat er eine bestellt, Geräte inklusive. „Eine echte Traumküche“, schwärmt der Bauherr. Doch gerade hat er einen Brief bekommen, der ihm Kopfzerbrechen bereitet. „Aktuell erlebt die Nachfrage nach neuen Küchen und auch nach Einbaugeräten europaweit einen völlig unerwarteten und unvorhergesehenen Lieferengpass“, heißt es in dem Schreiben etwas ungelenk. Baiers Küche ist auch von diesem Lieferengpass betroffen. 

Wann die Küche kommen wird, geht aus dem Brief gar nicht genau hervor. Für den zweifachen Familienvater wirft das Fragen auf: „Wird das Haus fertig, bevor die Küche da ist? Was machen wir dann? Wir können es uns ja nicht leisten, jeden Abend essen zu gehen.“ Doch genau danach sieht es im Moment aus. Spülbecken seien erst in zwei bis vier Monaten lieferbar, Geschirrspüler und Kühlschränke in vier bis sieben Monaten und Backöfen sogar erst in sechs bis acht Monaten. Außerdem könnten die Geräte teurer werden. Er könne da auch nichts machen, schreibt der Küchenverkäufer, man lebe eben „in einem sich dynamisch und schnell verändernden Umfeld“. 

Liefertermine werden gerissen, Preise erhöht, Bestellungen storniert

Wie für Georg Baier hat sich die Welt für viele Konsumenten rasant verändert. Noch vor zwei Jahren herrschte Überfluss, alles gab es sofort und natürlich mit Rabatt. Heute werden dagegen Liefertermine gerissen, Preise erhöht und Bestellungen von Händlern kurzerhand storniert. Die Knappheit betrifft fast alle Bereiche. Egal ob Lebensmittel, Technik, Baustoffe, Papier, Nägel, Fahrräder, Kleidung, Dachlatten oder eben Küchen: Überall wird verteuert, vertröstet, abgesagt. 

Die Internetseite „carwow“, über die man Neuwagen kaufen kann, listet ganze 62 Fahrzeuge auf, die dort im Moment nicht mehr bestellbar sind, darunter Audi A3, BMW i3, Ford Fiesta, Mercedes A-Klasse und Skoda Superb Combi. Normalerweise stehen diese Autos tausendfach auf Halde, sie gehören zu den beliebtesten Modellen in Deutschland. Jetzt sind sie kaum noch zu bekommen. 

Es fehlt also an allen Ecken und Enden. Oder doch nicht? Ja und Nein, sagt Klaus Wohlrabe vom Münchner ifo-Institut. Meist seien nur kleine, verflixte Einzelteile vergriffen, ohne die aber ganze Produkte nicht zusammengebaut werden können. „Zum Beispiel gibt es gerade verschiedene Schuhe nicht, weil die passenden Schnürsenkel in Containern im Hafen von Shanghai feststecken“, weiß der Ökonom.

Auslaufen verboten: In Shanghai stecken hunderte Containerschiffe wegen des Lockdowns im Hafen fest.

Chinas Regierung hat die Millionenmetropole wegen Corona schon vor Wochen in den Lockdown geschickt, jetzt stauen sich vor dem Hafen hunderte Frachtschiffe. Schätzungen zufolge könnten bis zu 20 Prozent der weltweiten Containerschiff-Flotte gerade vor Shanghai zum Däumchendrehen verdammt sein. Auch fehlende Kleinteile für Herd, Kühlschrank und Geschirrspüler stecken dort fest. Georg Baiers Küchenhändler trifft also keine Schuld, er würde ja gerne liefern. Verzweifelt verweist er auf Schreiben der Gerätehersteller Siemens, Neff, Miele und AEG. 

„Bestellzahlen wie nie zuvor“

AEG entschuldigte sich schon im Februar für mangelnde „Lieferpräzision“. Die Fertigung gehe wegen corona-bedingter Hygienevorschriften immer noch langsamer, es habe sich ein Bestellstau aufgebaut. Außerdem fehlen Teile und Komponenten wie Computerchips, Displays oder Sensoren. Und Miele führt daneben ins Feld, dass die Menschen wegen der Pandemie viel mehr Geld für Möbel, Küchen und Wohnen ausgeben, man ist ja heute mehr zu Hause als früher. „Daraus ergeben sich Bestellzahlen wie nie zuvor.“ Das habe aber einen Haken: Trotz Sonderschichten komme man mit der Produktion einfach nicht hinterher.

Die Corona-Pandemie samt Lockdowns, gerissene Lieferketten, ein verändertes Konsumverhalten: Es ist ein ganzes Potpourri an Gründen, dass die Bänder in vielen Branchen stillstehen und die Preise explodieren. Nun verschärft auch noch der Krieg in der Ukraine die Situation. Das Land produziert etwa Kabelbäume, aber auch Weizen und Sonnenblumenöl, Produkte, die zuletzt in den Supermärkten gehamstert wurden. Außerdem will der Westen dem Kreml den Geldhahn zudrehen und ein Ölembargo gegen Russland verhängen. Energieträger und Rohstoffe werden deshalb knapp und natürlich teurer. Das ist das alte Gesetz von Angebot und Nachfrage.

„Die Weltwirtschaft ist so vernetzt und die Lieferketten sind so durchgetaktet, dass wir es in Deutschland beim Einkauf spüren, wenn anderswo auf der Welt Dinge aus dem Gleichgewicht geraten“, erklärt Wirtschaftsforscher Wohlrabe. „Das muss man sich wie einen Domino-Effekt vorstellen: Ein fallender Stein bringt den nächsten ins Wanken, der einen weiteren umwirft und so weiter.“ Um wettbewerbsfähige Preise bieten zu können, kauft der auf Maschinen, Autos und Industrie spezialisierte Exportweltmeister Deutschland fast überall auf der Welt bei Zulieferern ein. „Deshalb trifft uns das alles jetzt auch stärker als Nachbarn wie Italien oder Spanien.“

Drei von vier Firmen klagen über Engpässe

Wie stark Deutschland von der Materialknappheit betroffen ist, erfragt Wohlrabes Team regelmäßig bei etwa 7000 deutschen Unternehmen. Ergebnis: Seit Monaten klagen drei von vier Firmen über Engpässe bei Vorprodukten oder Rohstoffen. Besonders betroffen sind Druckerzeugnisse, der Auto- und Maschinenbau, die Elektroindustrie, aber auch der Bereich Gummi und Kunststoffe oder die Textil- und Baubranche. „Das wird in den nächsten Monaten nicht besser werden“, befürchtet Wohlrabe mit Blick auf den Containerstau in Shanghai. „Dort stecken sehr, sehr viele Dinge fest, die man bald hier in den Fabriken braucht.“ Schnelle Entwarnung ist also nicht in Sicht.

Dass globale Lieferketten und eine Just-in-Time-Taktung ohne große Lagerhaltung ihre Tücken haben, hat sich mittlerweile auch in der Politik herumgesprochen. Die Bayerische Staatsregierung hat schon 2019 mit viel Tamtam eine milliardenschwere Hightech-Agenda vorgestellt. In deren Rahmen will man nun auch die Produktion von Computerchips im Freistaat ankurbeln, um in Zukunft wieder reibungslos Autos, Geschirrspüler oder Industrieroboter bauen zu können. Man dürfe sich nicht damit abfinden, dass China, Taiwan, Korea oder die USA nicht liefern können, sagte Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) auf einer Veranstaltung zur Zukunftsfähigkeit der bayerischen Wirtschaft. Deshalb müsse man zentrale Vorprodukte öfter selbst herstellen. 

Doch das ist Zukunftsmusik. Bis in Bayern große Chipfabriken stehen, werden Jahre vergehen – wenn das Vorhaben überhaupt umgesetzt wird. Bauherr Georg Baier muss also darauf hoffen, dass sein Küchenverkäufer vielleicht doch bald liefern kann oder andere Geräte bereitstellt, die noch irgendwo zu bekommen sind. „Wenn das alles nicht klappt, stelle ich mir notfalls einen Gaskocher oder eine kleine Elektroplatte hin“, sagt Baier resigniert. Sollte es auch die nicht mehr geben, bleibt ihm nur noch die kalte Brotzeit. Das spart wenigstens Energie, die ist ja auch sehr teuer geworden.

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